Nagasaki

Ihr Rumpf schimmert blau im Sonnenlicht wie ein Splitter von Lapislazuli. Die Flügel drehen sich mit 30 Schlägen pro Sekunde. Sie steht über dem Wasser, dann über dem Schilf, über den Steinen, wieder über dem Wasser. Sie durchfliegt den Raum nicht, sie wechselt Orte. Es ist heiß im Botanischen Garten von Göttingen, so heiß wie damals auf meiner ersten Japanreise in Nagasaki, als ich in der Mittagshitze die Flugmanöver einer Libelle über einem Gartenteich fotografieren wollte. Nur die Zikaden zirpen nicht. Aber was heißt hier „zirpen“? Kreissägen, ein ganzes Kreissägenorchester spielte besonders in den heißesten Stunden des Tages laut auf. Vor 70 Jahren um 11:02 Uhr jedoch schwiegen die Zikaden. Es war das erste Mal, seit sie sich in den Hügeln von Nagasaki niedergelassen hatten. Und das war lange bevor die ersten Menschen ihren Gesang ertragen mussten und noch länger bevor der Lärm der Stadt ihnen Konkurrenz machte. An diesem Morgen fiel die Sonne vom Himmel. Weiterlesen

Sayōnara!

UenoSeit meiner letzten Reise wusste ich bereits, dass mich auf der ersten Teilstrecke nach Tokio, von Fukuoka bis Ōsaka, fast nur Tunnel erwarten würden. Eigentlich handelt es sich um einen einzigen, hunderte Kilometer langen Tunnel. Drei Stunden währende Dunkelheit. Die Landschaft sieht man nur für Sekundenbruchteile am Fenster vorüber hetzen. Auch im Abteil bot sich mir der ständig gleiche Anblick: Menschen in schwarzen Anzügen, weißen Hemden, grauen Socken und schwarzen Schuhen. An jeder Station wurden die Menschen in den Anzügen einmal ausgetauscht. Ich nahm Meine Reisen mit Herodot von Ryszard Kapuściński zur Hand und las:

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Auf dem Weg nach Tokio oder noch eine Samurai-Geschichte

SakamotoReisetage haben immer zwei Seiten. Einerseits verbringt man lange Zeit sitzend in Bussen, Zügen, auf Bahnhöfen. Die Zeit, die einem dann noch bleibt, lässt keine großen Unternehmungen zu. Planlos schlendert man durch die Orte, die für das Gefüge der großen Reise nur eine Notwendigkeit darstellen, aber eigentlich zum Vergessen bestimmt sind. Doch den Kopf nicht voller Pläne zu haben, öffnet den Blick für die kleinen Geschichten.

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Yakushima

YakushimaBei strahlendem Sonnenschein betrat ich die Fähre, die in Kagoshima vor Anker lag. Auf der anderen Seite der Kinko-Bucht erhob sich dunkel der Vulkan Sakurajima. Über seinem südlichsten Gipfel, dem Minami-dake, hing bedrohlich eine Rauchfahne. Mein Ziel, die Pazifikinsel Yakushima verfügt zwar über 32 Vulkane, doch die sind alle erloschen. Das Meer hatte eine tiefblaue, beinahe schwarze Färbung. Zur Ausfahrt ertönten hawaiianische Klänge. Aloha ‚Oe!
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Von Ampeln, spuckenden Vulkanen und rohem Fisch

AsoKumamoto ist eine Stadt der Ampeln, der roten Ampeln, muss ich hinzufügen. Weder in der Tram noch zu Fuß bin ich je an eine Kreuzung gekommen, an der ich nicht hätte warten müssen. Und man wartet sehr lange an Kumamotos Ampeln. Verglichen mit der Zeit, in denen die Erdkräfte die bizarre Vulkanlandschaft Kyushus geformt haben und jeden Tag formen, ist so ein Ampelstopp jedoch recht kurzweilig.

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Regenzeit

Regenzeit_UenoEs ist Regenzeit in Tokio. Die passende Zeit, um Orte aufzusuchen, die aufgrund ihrer Beschaffenheit wasserdicht sind. Einkaufszentren zum Beispiel. Man muss in Tokio nur bis zur nächsten U-Bahn-Station gehen, um sich zu ernähren oder unter Menschen zu kommen. Man muss sich auch keine nassen Füße holen, wenn man von einem Einkaufstempel gelangweilt in den nächsten möchte. Dafür steigt man einfach in eine der vielen U-Bahn-Linien und fährt zur nächsten Station. Die ist nämlich per definitionem auch ein Einkaufszentrum. Wie praktisch!

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