La revedere!

Rumaenien_5Ich reise wieder mit der Sonne. Mein letztes Ziel in Rumänien wird Oradea sein, das bereits nahe an der ungarischen Grenze liegt. Von dort aus sind es nur noch wenige Stunden bis Budapest, wo ich den Zug zurück nach Deutschland nehmen werde.

Um nach Oradea zu kommen, muss ich jedoch einmal quer durch Transsilvanien, von den Südkarpaten bis zu den Nordkapaten. Die Landschaft ist nur halb so wild wie ihr Ruf. Das Innere Transsilvaniens ist vor allem bäuerlich geprägt. Auf der Fahrt sieht man keine dunklen Wälder, keine tiefen Schluchten oder Ähnliches das für Wildheit steht. Stattdessen müht sich ein altes Pferdefuhrwerk einen staubigen Pfad zum Dorf hinauf. Hinter ihm her trabt treu das Fohlen der Stute. Einige Hügel weiter zieht ein Bauer mit seinem Pflug, vor dem ein Schimmel gespannt ist, tiefe Furchen in den trockenen Acker. Neben dem Feld grast eine Herde von grauen Wollhaarschweinen, über deren Wohl ein Schweinehirt wacht. Schwalben durchschneiden den sommerlich blauen Himmel und umkurven elegant einen Weißstorch im Flug, der im Gegensatz zu den Düsenjets der Vogelwelt wie ein alter klappriger Doppeldecker wirkt. Unten im Gras sitzt ein beleibter, schnauzbärtiger Mann. Die Beine nach vorne gestreckt und sich mit den Händen nach hinten abstützend, blinzelt er unter seinem Schilfhut hervor müde in Richtung des vorbeifahrenden Zuges. Seine Frau hängt derweil die Wäsche auf, Arbeitsteilung auf Rumänisch.

So vielgestaltig sich das Leben außerhalb des Zugabteils auch gibt, so sehr beunruhigt mich der andauernde Halt auf freier Strecke. Ich muss meinen Anschlusszug von Cluj-Napoca, der großen Stadt im Norden Transsilvaniens, nach Oradea heute noch bekommen. Als ich meine Mitreisenden nach der Verspätung frage, denn ich habe gesehen, dass sie einen ausgedruckten Fahrplan mit sich führen, ernte ich nur ein fragendes Schulterzucken. Offensichtlich versteht in diesem Abteil niemand Englisch. Ich deute auf den Ausdruck, der mir dann auch mit einem Lächeln überreicht wird. Wir sind jetzt schon 40 Minuten hinter dem Zeitplan. Das wird knapp.

Wenn man sich untereinander nicht verständigen kann, sind es eher die Kleinigkeiten, die die Reise zum Erlebnis machen. Als der Schaffner unsere Fahrscheine verlangt, möchte ich ihm Arbeit abnehmen und trenne das Ticket für die Fahrt von Cluj nach Oradea von dem für diese Strecke eigentlich gültigen Ticket von Sighișoara nach Cluj ab. Das war ein Fehler. Ein rumänischer Wortschwall ergießt sich über mich. Wild gestikulierend deutet er mir, dass die Tickets nur zusammen gültig seien. Warum, ist mir nicht klar, denn auf beiden stehen der jeweilige Preis und das jeweilige Datum. Ich erwarte das Schlimmste und sehe mich schon neben dem schnauzbärtigen Mann im Gras sitzen und dem wegfahrenden Zug hinterher blinzeln. Mit hochrotem Kopf gibt er mir beide Karten zurück und knallt die Abteiltüre zu. Das milde Lächeln meiner Mitreisenden beruhigt mich wieder. Alles halb so schlimm, scheinen sie mir sagen zu wollen und tatsächlich taucht der Kontrolleur nicht mehr auf. Kurz darauf steckt eine alte Frau ihren Kopf in das Abteil und fragt etwas. Allgemeines Kopfschütteln. Doch sie will sich mit dieser Antwort offenbar nicht zufrieden geben und zeigt den Gegenstand ihrer Frage in die Runde. In ihrer Hand liegt ein schwarzes Smartphone, mit dem sie wohl telefonieren möchte. Aber das Ding funktioniert nicht so, wie sie möchte. Alle holen ihre eigenen Handys raus, schauen auf ihr Display und zeigen es ihr. Empfang ist da, scheint diese Geste zu bedeuten. Offenbar stellt sie diese Antwort zufrieden, jedenfalls verlässt sie unser Abteil. Wenige Minuten später ist sie wieder da, schüttelt unzufrieden mit dem Kopf und beklagt sich über das immer noch nicht funktionierende Gerät. Nach einer kurzen, aber heftig geführten Debatte zur Fehleranalyse lässt sich ein junges Mädchen das Handy geben, drückt auf den Start-Knopf und gibt es der alten Frau zurück. Sie lächelt ein paar Worte des Dankes und geht wieder. Alles in Ordnung.

Von so viel Unterhaltung abgelenkt, darf ich nicht vergessen, in Cluj den Zug zu wechseln. Dieser ist bereits abfahrbereit. Doch glücklicherweise steht er auf dem gegenüberliegenden Gleis, so dass nur ein kurzer Sprint nötig ist, um meine Übernachtung in Oradea zu sichern. Ein weiterer Zug wäre heute nicht gefahren. Meine neue Reisebegleiterin ist gesprächiger, auch wenn ihr einige Wörter nur auf Rumänisch einfallen. Dafür beherrscht sie jedoch ihr Handy und kann diese nachschlagen. Sie erzählt mir, dass sie ihr Studium der Informatik gerade beendet hätte und sich für einen Job in Cluj bewerbe. Auf die Frage nach meinem Broterwerb antworte ich, dass ich in einem Wissenschaftsverlag arbeite. Dass dieser keine Mathematik-, Physik- oder Chemiebücher, kurz: naturwissenschaftliche Bücher publiziert, findet sie amüsant. Geschichte, Philosophie und Literatur seien doch keine Wissenschaften! Als ich ihr ergänzend sage, dass es in Deutschland mehr Studierende in diesen drei Fächern gebe, als in den von ihr aufgezählten, naturwissenschaftlichen Fächern ernte ich einen ungläubigen Blick, aus dem heraus ich förmlich ihre Frage herauslesen kann: ‚Und warum seid ihr dann in Europa die führende Wirtschaftsmacht?‘ Vielleicht gerade darum.

Aber ich lenke das Gespräch in eine andere Richtung, will ich doch mehr über ihr Land erfahren. Bald dreht sich das Gespräch um die Schwierigkeiten der Rumänischen Sprache. So lerne ich, dass die Menschen im Süden Rumäniens für die im Norden aufgrund ihres Dialekts nur schwer zu verstehen seien und vice versa. Ganz schlimm aber sei es bei den Moldauern, den Einwohnern der unmittelbar an Rumänien grenzenden Republik Moldau, die zwar ebenfalls Rumänisch, oder eine Art Rumänisch, sprächen, dieses jedoch so schnell und unverständlich hervorbrächten, dass selbst sie große Probleme hätte, deren Ausführungen zu folgen. Kurz vor Oradea will sie mir noch unbedingt die Fotos ihres letzten Urlaubs zeigen, den sie in Alba Iulia verbrachte, einer Stadt in der Nähe von Sibiu. Die Festungsanlage sei großartig und auch die Stadt jede Reise wert. Ich verspreche ihr, Alba Iulia bei meiner nächsten Reise nach Rumänien zu besuchen. Vielleicht schon im nächsten Jahr.

Wir rufen uns noch ein „La revedere!“ zu, als der Zug den Bahnhof von Oradea erreicht. Ich verabschiede mich auch von einem Land, dem ich jederzeit wieder eine Sommerwoche oder mehr schenken würde. Rumänien hat noch längst nicht alles von sich erzählt, im Gegenteil, bisher hörte ich nur das Räuspern und Luftholen zum Auftakt einer vermutlich großartigen Geschichte …

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