Ein Bisschen Istanbul in Brașov

Rumaenien_4Bună dimineața!
An dieser Stelle möchte ich mich bei allen Lesern entschuldigen, die einen sachlichen, klischeelosen Bericht über Rumänien lesen wollten, und bei denen ich nun möglicherweise mit meinen letzten Ausführungen zu Dracula nur ein Kopfschütteln hervorgerufen habe. Um dasselbe noch heftiger zu gestalten, muss ich außerdem gestehen, dass Bram Stokers Dracula Teil meines Reisegepäcks ist. Dafür allerdings entschuldige ich mich nicht, denn es ist ein hervorragend geschriebenes und sehr unterhaltsames Buch, das man natürlich nicht mit einem Reiseführer verwechseln sollte. Aber genug mit der Fiktion und weiter mit den Fakten!

Der Burgberg von Sighișoara hat sich noch nicht ganz vom morgendlichen Nebel befreit, als ich zum Bahnhof aufbreche, um den Regionalzug nach Brașov, dem ehemaligen Kronstadt, zu nehmen. Auf dem Bahnsteig wartet bereits eine Gruppe Arbeiter auf den Zug. Einige scherzen, einige schauen verkniffen, andere wiederum reiben sich den Schlaf aus ihren Augen. Ihr Aussehen ist gepflegt, die Hemden und Hosen sind akkurat gebügelt. Nur ihre kräftigen mit Hornhaut besetzten Hände sowie ihre durch die Sonne verbrannten Gesichter weisen darauf hin, dass sie einer schweren Arbeit im Freien nachgehen. Gesprochen wird nicht viel. In aller Eile rauchen sie noch ihre Zigaretten auf, dann kommt auch schon die Regionalbahn in den Bahnhof gefahren.

Transsilvanien zeigt sich auf der Fahrt von seiner schönsten Seite. Die abwechselnd gemähten und ungemähten Wiesenabschnitte geben der hügeligen Landschaft eine wellenförmige Struktur, so dass die Heuballen wie kleine Schiffe wirken, die auf den Wogen eines tiefgrünen Ozeans hin und her schaukeln. Darauf glitzern weiß wie die Schaumkämme von Wellen die Streifen des zum Trocknen ausgebreiteten Grases in der Morgensonne.

Kurz vor Brașov steigen aus den Dörfern kommend immer mehr Romafamilien zu, um in die Stadt zu fahren. Angeregt und laut wird debattiert. Die Kinder toben durch die Gänge. Ich bin der einzige Tourist in dem Wagen. Keine ungewöhnliche Erfahrung mehr für mich in Rumänien. Auf diese Weise den Alltag der Menschen beobachten zu können, lässt mich leichter mit dem Land, in dem sie leben, vertraut werden und gibt mir die Möglichkeit, aus der mir selbst zugeschriebenen Rolle als Tourist auszubrechen, auch wenn ich in ihren Augen natürlich immer einer bleiben werde. Doch nur auf diese Weise kann ich meinen Alltag vergessen und bin offen für Neues. Dieses Vergessen-Können ist die Grundvoraussetzung des Reisens. Denn wozu reise ich? Um das zu entdecken oder, in einer Zeit in der bereits alles entdeckt zu sein scheint, das zu verstehen, was ich noch nicht kenne.

Brașov ist eine hübsche Stadt, auch wenn ich mich nicht so recht für sie begeistern kann wie für Sibiu oder Sighișoara. Die Suche nach Identität ist hier nicht mehr so spürbar wie in Sibiu, die Fassaden der Häuser nicht so schön bunt wie in Sighișoara. Brașov ist die boomende Metropole der Karpaten. Viele große westliche Firmen haben hier ihre Produktionsstätten errichtet und somit in den letzten Jahren Arbeitsplätze geschaffen. Den Menschen geht es gut in dieser modernen Stadt. Vielleicht liegt es daran, dass sie sich nicht mehr so viele Gedanken über die Vergangenheit machen.

Mit der Seilbahn fahre ich auf den Hausberg Tâmpa. Auf der Aussichtsplattform drängen sich die Menschen noch, um ein Luftbild von ihrer Stadt zu schießen. Hundert Meter weiter bergab stehe ich allein auf einem Aussichtsfelsen und schaue in das benachbarte Tal und auf die felsigen Gipfel der Südkarpaten. Nichts ist zu hören, außer das leichte Rauschen des Windes, als er über die Tannen streicht.

Mit der Seilbahn wieder unten angekommen, muss ich mich auch schon auf den weiten Weg zum Bahnhof machen, damit ich den letzten Zug des Tages nach Sighișoara noch erreiche. Als Wegzehrung besorge ich mir noch eine ganze Schachtel Baklava, die so süß, feucht, klebrig und walnussig schmecken wie damals in Istanbul. Wenn dies auch kein Grund ist, noch länger in der Stadt zu bleiben, so doch vielleicht einer, um mal irgendwann wiederzukommen.

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