Rumänisch für Anfänger

Rumaenien_3Zugfahren in Rumänien ist eine langsame Angelegenheit. Entweder wird an der Strecke gebaut oder sie ist nur eingleisig befahrbar und man wartet auf den Gegenzug. Doch selbst auf den scheinbar freien Abschnitten geht es eher sanft rollend mit Zwischenstopps an jedem noch so kleinen Bahnhof voran. Es bleibt somit genügend Zeit, auf die vorbeiziehenden Felder und Dörfer oder die Mitreisenden zu achten.

Auf den Plätzen neben mir spielen zwei kleine Mädchen ein Reimspiel, in dem es um „ciocolată“, also um Schokolade, geht. Viel mehr Rumänisch verstehe ich noch nicht. Ab und zu kann ich ein Wort auf den Straßenschildern übersetzen, weil es im Spanischen eine ähnlich klingende Entsprechung gibt, wie ‚cumpar‘, was ‚kaufen‘, oder ‚fuma‘, was ‚rauchen‘ heißt. Von beiden hilft mir nur ersteres wirklich weiter. Rumänisch ist, wie der Name schon sagt, eine romanische Sprache und mit Spanisch, Italienisch oder Französisch verwandt. Viele Worte sind aber auch dem Slawischen, wie etwa ‚Da‘ für ‚Ja‘, oder dem Türkischen, wie ‚bakcsis‘ (= Bakschisch) für ‚Trinkgeld‘, entlehnt, was es ingesamt nicht so einfach macht, die Sprache zu verstehen oder anzuwenden. Wenn ich zum Beispiel einen guten Abend wünschen möchte, sage ich ähnlich wie auf Italienisch Bună seara! (= Buona sera!). Zu den restlichen Tageszeiten kann ich mich beim Gruß aber schon nicht mehr auf die romanischen Sprachen verlassen und auch meine Russischkenntnisse helfen mir bei Bună dimineața! (= Guten Morgen!) oder Bună ziua! (= Guten Tag!) nicht weiter.

In Sighișoara, auf Sächsisch Schäßburg, verlasse ich den Zug und meine unfreiwilligen Sprachlehrer. Bereits von den Gleisen aus sieht man, wie sich die von der grellen Nachmittagssonne beschienenen Türmchen, Tore, Mauern und Zinnen vom Dunkelgrün des bewaldeten Burgbergs abheben. Ich beeile mich, mein Hotel zu finden und einzuchecken, damit mir möglichst noch viel Zeit bleibt, um die Oberstadt zu besichtigen.

Auf dem Weg zum Stundturm liegt im Schatten der Wehrmauer eine Romafrau mit ihrem kleinen Kind im Arm. Ihr Gesicht und das des Kindes ist von Narben gekennzeichnet. Ihr linker Arm hat keine Kraft mehr, dass Kind an sich zu halten, so dass es nur noch halb auf ihm liegend mit dem Kopf nach hinten überhängt. Die Erschöpfung hat ihnen die Augen geschlossen. Sie rechnet wohl nicht mehr damit, dass ihr noch jemand Geld zusteckt. Wut kommt in mir hoch, dass es diese Praxis des Bettelns unter einigen Roma noch gibt. Keine Wut auf die Frau, sondern auf den Mann, der, statt sich für seine Familie mitverantwortlich zu fühlen, sie für sich selbst ausnutzt. Mag sein, dass auch die Frau etwas von dem erbettelten Geld abbekommen würde, aber ihr etwas zu geben, würde nur dazu führen, dass bald nicht mehr nur sie mit ihrem Kind auf dem Arm umherziehen würde. Bisher ist es allerdings die einzige Roma, die ich auf diese Weise bettelnd angetroffen habe, so dass es hoffentlich nur ein Klischee bleibt und auch dieses bald nicht mehr existieren wird. Im Nachhinein ärgere ich mich mehr darüber, dass mich meine Wut von ihrem Leiden abgelenkt hat. Wenigstens etwas zu Trinken hätte ich ihr anbieten sollen. Ich hatte mir gewünscht, ein anderes Bild von Sighișoara in Erinnerung zu behalten, aber die Wirklichkeit richtet sich nun einmal nicht nach meinen Wünschen.

Die Oberstadt ist von mehreren Wachtürmen umgeben, die jeweils nach einer bestimmten Zunft benannt wurden. So gibt es zum Beispiel einen Gerberturm, einen Schusterturm, einen Zinngießerturm oder einen Weberturm. Die Gassen sind mit schweren Feld- und Flusssteinen gepflastert, so dass man ein wenig achtsam sein muss, wenn man sich, wie ich, nicht sattsehen kann an den mintgrünen, pflaumenblauen, zitronengelben und himbeerroten Fassaden der Wohnhäuser.

Gegen Abend, als die Laternen seltsam lange und verzerrte Schatten werfen, führt mich meine Neugier noch einmal zurück an das dunkelgelbe Haus, das gegenüber vom Stundturm steht. An ihm war mir zuvor eine marmorne Tafel aufgefallen, die von vielen Touristen eifrig fotografiert wurde. Aus der nur einen Spaltbreit geöffneten Tür dringt gerade so viel Licht nach draußen, als dass man die Inschrift der neben dem Eingang angebrachten Tafel noch lesen kann. Der rumänische Text ist nicht zu entziffern, doch der groß geschriebene Name lässt sich leicht erkennen: Vlad Dracul. Plötzlich knallt ein kräftiger Windhauch die Tür zu. Ein Rauschen erhebt sich in den Lüften. Blitzartig tritt es mir wieder vor Augen, was ich in meinem Reiseführer über Sighișoara gelesen hatte: In diesem Haus wurde Dracula geboren.

Noapte bună!

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