Hermannstadt = Sibiu

Rumaenien_2„Versuchen Sie doch bitte eine positive, Hoffnung machende Aussage zum Abschluss unseres Interviews zu formulieren.“ – „Ich weiß nicht, was Sie genau hören wollen.“ – „Sie haben doch so schön über den Zusammenhalt der sächsisch evangelischen Gemeinden über die Jahrhunderte hinweg, die auch voller Umbrüche waren, gesprochen. Stellen Sie das doch in den Vordergrund.“ – „Aber auch diese wenigen, kaum noch mehr als zwanzig Mitglieder zählenden Gemeinden bröckeln doch heute weg. Na gut, ich will es versuchen.“

Dieser Versuch, ein positives Ende für das Interview eines privaten Fernsehsenders mit einem Gemeindemitglied im Haus der Siebenbürgen Sachsen Ausstellung in Sibiu/Hermannstadt zu finden, fasst die Situation dieser deutschen Volksgruppe in Transsilvanien ganz gut zusammen. Als einziger Besucher der Ausstellung konnte ich diesem kleinen Disput, versteckt hinter einer Stellwand, unbemerkt folgen. Als Schlusssatz formulierte die Interviewte übrigens wenig hoffnungsvoll im Ton: Die Sächsische Kultur würde trotz aller Schwierigkeiten natürlich weiter existieren. Anders jedoch als in Timișoara, als man mir auf meine Frage, ob man Deutsch verstehe, immer nur mit einem Kopfschütteln antwortete, hört und spricht man hier noch ab und zu die deutsche Sprache, die in meinen Ohren einen leichten osteuropäischen Einschlag hat. Es gibt sogar noch eine deutsche Tageszeitung.

Gestern bin ich mit dem Bus aus Timisoara hier in Sibiu angekommen. Alle Plätze waren belegt. Einige der Mitreisenden mussten die sechsstündige Fahrt sogar zwischen den Reihen stehen. Meine Sitznachbarin telefonierte die ganze Zeit ziemlich aufgeregt mit dem immer gleichen Gesprächspartner. Im Bordprogramm lief der neueste James Bond-Streifen. Die Landschaft des Transsilvanischen Hochlandes, welches durch die Karpaten weitgehend eingeschlossen ist, interessierte mich jedoch mehr. Das Hochland ist keineswegs flach, sondern hügelig, so dass es landwirtschaftlich gut genutzt werden kann. Ein Teil davon zeigt sich in den vielen kleinen Schafherden, die hier noch von Schäfern gehütet werden. Zwischen den Hügeln ragen Kirchtürme empor. Manche Kirchen erinnern mit ihren dicken Wehrmauern und Schießscharten jedoch mehr an Burgen als an Gotteshäuser. Gebaut wurden diese zu den Zeiten, als sich die Sachsen noch gegen die Einfälle der Türken zur Wehr setzen mussten. Angesichts der dörflichen, typisch mitteleuropäischen Idylle musste ich meine ganze Fantasie zusammen nehmen, um mir klar zu machen, dass Istanbul von hier aus gesehen beinahe näher liegt als Wien. Am Horizont erheben sich die Südkarpaten wie eine schwarze Mauer, bestehend aus beinahe 2500 Meter hohen Zinnen. Die Fogarascher Berge sind für ihre Wildheit berühmt. Bären und Wölfe soll es hier so häufig geben, wie sonst nirgends mehr in Europa.

Der Fahrer setzte uns an einem Busbahnhof ab, der auf meiner Karte gar nicht verzeichnet war. So musste ich mich anhand der eigentlich für Autos bestimmten Hinweisschilder orientieren, wo entlang es in die Altstadt Sibius ging. Nach kaum mehr als hundert Schritten sah ich jedoch schon den Turm der alten Evangelischen Stadtkirche, an dessen Fuß meine Unterkunft liegen sollte. Die untergehende Sonne legte ihre letzten Strahlen auf die nun rot leuchtenden Ziegeldächer der Stadt. Von der Wärme, die sie noch mit sich führten, profitierten auch die Katzen, die sich bereits überall auf den Dächern versammelt hatten. Die Nacht verlief ruhig und angenehm. Nach einem langen anstrengenden Tag waren die Kirchenglocken ebenfalls in einen tiefen Schlaf gefallen.

Nach dem unfreiwillig mitgehörten Gespräch im Ausstellungshaus der evangelischen Gemeinde von Sibiu oder Hermannstadt, wie sie es nennen würden, streife ich den Rest des Tages durch die verwinkelten, bunten Gassen der Ober- und Unterstadt und verbringe die Zeit mit der Suche nach geeigneten Fotomotiven oder mit der Aufnahme von Nahrung, wie etwa einem Gogosi, einer in Öl frittierten Teigtasche, die mit süßen Cremes oder wie bei mir mit Käse gefüllt sein können. Schlauerweise hatte ich zuvor den Turm der Evangelischen Stadtkirche bestiegen, um mir einen Überblick zu verschaffen. Einerseits wegen des geringeren Gewichts, das ich nach oben tragen musste, andererseits wusste ich so, welche Motive sich lohnen könnten.

Kurt Tucholsky schrieb, er habe das „beste gute alte Deutschland“ wiederentdeckt, als er in Hermannstadt weilte. Äußerlich gesehen, mag das für einige Ecken der Altstadt sogar heute noch stimmen und als ich morgens das Fenster öffnete, unter mir eine Katze über das Ziegeldach schlich, sich in aller Ruhe niederließ und zum Kirchturm empor blickte, da kam es mir tatsächlich vertraut vor. Wahrscheinlich nicht vertraut deutsch, denn das Deutschland, das Tucholsky meinte, kenne ich nicht mehr. Doch was ich sehe, ist ein Ort, der die Spuren seiner früheren kulturellen Identität noch zu wahren weiß und die Menschen respektvoll miteinander und mit ihren Religionen umgehen. Dafür stehen für mich auch die drei in unmittelbarer Nähe errichteten Hauptkirchen der evangelischen, katholischen und orthodoxen Gemeinden. Auch wenn man heute hier wie selbstverständlich Rumänisch spricht und die Gemeinden der Siebenbürgen Sachsen immer kleiner werden, so kann ich Sibiu nur wünschen, dass bald nicht mehr nur Touristen die Stätten ihres einstigen Zusammenhalts besuchen werden.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s