Durch die Puszta

Rumaenien_1Csárdaszállás, Mezőberény, Murony. Ortsnamen, von denen ich noch nie gehört habe, ziehen am Fenster vorbei. Früh um Sieben ist der Zug von Budapest aus losgefahren in Richtung Timișoara, Rumänien. Viele Bahnsteige der vorüberziehenden Orte sind um diese Uhrzeit noch leer. Hinter dem feinen Regenschleier erkennt man nur ab und zu die Umrisse von einsamen Wartenden, die unter den notdürftig geflickten Überdachungen Schutz suchen. Auf anderen Bahnhöfen wiederum, wie in Békéscsaba, ist auch an diesem Sonntagmorgen viel los. Menschen begrüßen und verabschieden sich. Ein breites Lachen liegt auf den zumeist braun gebrannten Gesichtern.

Kurz nach Békéscsaba wieder Leere, Steppe bis zum Horizont. Dieses Jahr ist die hier Puszta genannte Steppe alles andere als staubig. Über ihr hängen schwere tiefgraue Wolken. Die Wege sind matschig und durchzogen von Wasserrinnsalen. Ab und zu sehe ich einen Greifvogel oder vielmehr seinen schwarzen Schatten. Kleine Vogelschwärme, die sich in diesem Jahr an den Samen der üppig sprießenden Gräser satt fressen können, werden durch den Räuber kurz aufgescheucht, fallen aber sogleich wieder zur Erde. Die Sonnenblumen neigen ihre durch die Nässe schweren Köpfe beinahe bis zum Boden.

Wenig später passiert der Zug die Grenze, was ich nur aufgrund der Passkontrolleure merke, die die Fahrt für eine Weile aufhalten. Rumänien gehört offensichtlich noch nicht zu Schengen. Immerhin denke ich nun daran, die Uhr eine Stunde vorzustellen. Hier gilt die Osteuropäische Zeit.

Im Banat, das Gebiet unmittelbar hinter der Grenze, siedeln seit 150 Jahren Deutsche, die jedoch nichts mit den Siebenbürgen Sachsen zu tun haben, die schon etwas mehr als 800 Jahren in Rumänien leben. Die Banater Schwaben, wie sie genannt werden, wurden durch die Habsburger Kaiser hierher geschickt, um das Sumpfland urbar zu machen. Von dieser Volksgruppe habe ich zum ersten Mal gehört, als Herta Müller als gebürtige Banater Schwäbin vor einigen Jahren den Literaturnobelpreis erhielt. Damals war ich noch so naiv, einen schwäbischen Dialekt aus ihren öffentlichen Reden heraushören zu wollen, heute weiß ich, dass alle zugewanderten Deutschen im 19. Jahrhundert in dieser Region als Schwaben bezeichnet wurden, egal woher sie in Wirklichkeit kamen.

In Timisoara, wo Herta Müller zur Schule ging, leben weit mehr Tauben und Dohlen als Menschen. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass die Rumänen am Sonntag lieber zu Hause bleiben, weshalb die Artenverteilung der Stadtbesucher so ist, wie sie sich mir darstellt. Von meinem Hotel aus, das ich mittlerweile erreicht habe, sehe ich über die Baumkronen des naheliegenden Parks hinweg die olivgrünen Türme der Orthodoxen Kathedrale mit ihren bunten Majolikaziegeln ragen. Da ich den Nachmittag ohnehin zur Stadtbesichtigung eingeplant hatte, steuere ich direkt darauf zu und hoffe, dass sie nicht geschlossen ist.

Die hohen Eingangstüren sind weit geöffnet. Im dunklen Vorraum sitzt eine ganz in schwarz gehüllte Nonne und verkauft kleine Ikonen an die Besucher. Touristen sucht man allerdings vergeblich unter ihnen. Stattdessen drängen sich Rumänen jeden Alters an mir vorbei und eilen in das Innere der Kirche. Die meisten von ihnen nehmen sich nicht viel Zeit für ihre Gebete. Die jeweils bevorzugte Ikone wird direkt angesteuert, mit den Fingern berührt, die dann zurück an den Mund geführt werden. Einige küssen das Heiligenbild direkt. Andere verbeugen sich auch nur vor ihnen. Nach wenigen Minuten ist die Zeremonie vorbei. Das alles findet in absoluter Stille statt.

Das geschäftige Treiben erinnert mich an die ganz ähnlich stattfindenden Besuche der buddhistischen Tempel in Japan. Auch da ist die Ausübung der religiösen Praktiken ein Teil des Alltags. Man verrichtet sie, wie Einkaufen zu gehen, zwischendurch, in der Mittagspause oder auf dem Weg von der Arbeit nach Hause. Die Dunkelheit des Innenraumes, der Glanz der Ikonen mit den Porträts von Christus, Maria oder den Aposteln und die trotz der äußerlichen Geschäftigkeit spürbare Intensität, mit der der Glauben hier gelebt wird, tragen dazu bei, dass ich mich nicht traue, zu fotografieren. Auch wenn ich es natürlich ohne Blitz täte, käme es mir doch so vor, als würde ich die stillen Gespräche zwischen den Besuchern, den Heiligen und Gott noch mehr stören, als ich es in meiner Beobachterrolle ohnehin schon tue.

Morgen früh will ich den Bus nach Sibiu in Transsilvanien nehmen, so dass mir nicht mehr viel Zeit für Timișoara bleibt. Ich verlasse die Kirche und gehe den breiten Boulevard hinauf zum Opernhaus auf der Suche nach der Geschichte der Stadt. An diesem Ort begann 1989 der Aufstand gegen das Regime Nicolae Ceaușescus. Mit verheerenden Folgen für die Bewohner der Stadt, die mehrere Wochen durch die Armee von der Außenwelt abgeschnitten wurden. Es gab viele Tote. Mehr als eine Gedenktafel an der weißgetünchten Fassade der Oper finde ich jedoch nicht. Für einen Besuch im Revolutionsmuseum ist es bereits zu spät.

Als die Dohlenschwärme ihre Schlafplätze aufsuchen, folge ich ihnen. Diesmal nehme ich einen anderen Weg zurück durch den Park. Unter einer Baumgruppe stoße ich auf eine lärmende Ansammlung älterer Männer. Um genauer zu sein, auf viele kleine Ansammlungen älterer Männern, die sich jeweils um einen runden Steintisch gruppiert haben. Als ich neugierig näher trete, erkenne ich auf den Tischen Schachfiguren, Backgammon- oder Dame-Steine. Outdoor-Brettspiele gehören also zum sonntäglichen Zeitvertreib der rumänischen Pensionäre.

Die Stimmung ist nicht angestrengt nachdenkend, wie es, so stelle ich es mir jedenfalls vor, in deutschen Schachclubs der Fall wäre, sondern gelöst und freundschaftlich. Die Männer klopfen sich bei gelungenen Zügen gegenseitig auf die Schultern und lachen dabei kräftig. Um Zeit zum Nachdenken zu gewinnen, steckt Mann sich erst einmal eine Zigarette an oder lüftet die Mütze, um sich über das schüttere Haar zu fahren. Wenn es an einem Tisch besonders laut zugeht, versammeln sich gleich weitere Zuschauer um diesen und lassen ihr Spiel ruhen. Langsam weichen die Bilder der leeren, verfallenen Straßenzüge aus meinen Erinnerungen und machen Platz für ein erstes Gefühl des Angekommenseins in Rumänien.

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