Die Wasserspiele von Budapest

Budapest_2Ich war schon wach, bevor die laute Sirene eines Polizeiautos die schallgeschützten Fenster meines Hotelzimmers durchdringt. Die Sirenen klingen in Budapest wie die elektrischen der Spielzeugautos, mit denen Kinder in Deutschland ihre Eltern in die Verzweiflung treiben. Das Geräusch des Regens hat mich geweckt. ‚Es wird sich schon wieder beruhigen.‘, hoffe ich. Als er nach dem Frühstück immer stärker wird, muss ich meinen ursprünglichen Plan, einen langen Spaziergang vorbei an den mir vertrauten Orten der Stadt zu unternehmen, revidieren.

Stattdessen nehme ich die Metro bis zur großen Markthalle. Dort ist immer viel los, auch bei diesem Wetter und vor allem ist es trocken. Einer Kathedrale gleichend teilt sich die Halle in drei Schiffe. Im Hauptschiff hängen die Salamiwürste über den Ständen, je nach Region vom Schwein, Graurind, Pferd, Esel oder Hirsch. In den Nebenschiffen türmen sich einerseits Paprikaberge unter kunstvoll geflochtenen Chili- und Knoblauchzöpfen, während es auf der anderen Seite getrocknetes Obst, Nüsse und das berühmte Paprikapulver zu erwerben gibt. Im Erdgeschoss können die durchnässten Besucher noch einander ausweichen. Die Imbissstände und Bistros in den schmalen umlaufenden Emporen lassen ein gemütliches Schlendern nicht mehr zu, stattdessen durchdringt mich die Nässe nun von der Seite.

Durch die hohen beschlagenen Fenster mit ihren blauen Ornamenten sehe ich die geschwungenen Träger der Freiheitsbrücke. Die mythischen Turul-Vögel auf ihren Pfeilern scheinen an diesem Tag nur noch kauernde Schatten ihrer selbst zu sein. Einst, so sagt man, haben sie das Volk der Ungarn hierher geführt.

Trotz des anhaltenden Regens verlasse ich die Markthalle. Unter dem Eingangsbogen dampft das Pflaster, die gelben vorbeifahrenden knallgelben Taxis spiegeln sich in dem glatten Straßenbelag. Ich gehe die Donau stromaufwärts auf der Suche nach einem Café, ein leichtes Unterfangen. Die Tradition der Habsburger hat an jeder Ecke der Stadt ein Caféhaus hinterlassen. Unweit der Elisabethbrücke werde ich fündig. Durch das Fenster droht mir ein großer Greif mit seinem halb geöffneten scharfen Schnabel. Erst als ich entdecke, dass ihn ein nackter Reiter mit Hilfe eines Waldhorns zu bändigen weiß, traue ich mich hinein.

Über der Theke hängt ein schwerer Kristallleuchter. Nebeneinander liegen in der Auslage die feinsten Kuchen, die Budapest zu bieten hat: Dobos-, Estérhazy-, Sachertorte. Ich entscheide mich für eine Blätterteigschnitte und ziehe mich an einen Ecktisch zurück, den Greif immer im Auge behaltend. 1870 wurde das Café gegründet, so erfahre ich aus der Karte. Es überstand beide Weltkriege, den Aufstand der Ungarn gegen die sowjetischen Besatzer vor 60 Jahren und sein Scheitern, die Zeiten vor und nach 1989 bis heute. Ich versuche zu raten, wer von den drei jungen Angestellten noch zur Familie gehört. Ganze drei Familienmitglieder sollen hier noch Dienst tun. Ein aussichtsloses Unterfangen. Da sich die beiden Frauen und der Mann sehr ähnlich sehen, komme ich zu der Überzeugung, dass sich gerade die komplette Familie um mein Wohl kümmert.

Es hat aufgehört zu regnen. Ich zahle und entschließe mich, noch einen Abstecher auf den Budaer Burgberg zu machen. Auf den Treppen hoch zur Festung kommen mir kleine Wasserfälle entgegen. Oben angekommen bietet sich mir ein trostloser Blick auf die Stadt: die Budaer Berge von Wolken verhüllt, zu ihren Füßen liegt die Margareteninsel wie ein großer grauer Flussstein inmitten der sonst um diese Tageszeit gold schimmernden Donau. Vom Regen zerzauste Nebelkrähen belegen die Bänke, auf die sich die Touristen aufgrund der Nässe nicht mehr setzen wollen. Eine bronzene aufrecht stehende Statue schaut stumm auf Pest hinab. In ihrem Spiegelbild beginnen sich kleine zarte Ringe zu formen.

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