Immer weiter nach Osten

Budapest_1Kurz hinter Bratislava geben die dunklen Wolken die Sonne frei. Der Sommer legt sein prächtigstes Gewand an, das ockerfarben, wie die frisch gemähten Felder, beige und knallgelb, wie die reifen Weizen- und Sonnenblumenfelder, leuchtet. Zum zweiten Mal nach 2012 fahre ich durch Bratislava ohne Halt zu machen. Zum zweiten Mal nehme ich mir vor, wiederzukehren und für einige Tage zu bleiben. Es ist weniger das moderne Stadtbild mit seinen gläsernen Bürotürmen, das mich zu diesem Wunsch veranlasst, als vielmehr ein unbestimmtes Gefühl der Vertrautheit, das mir sagt, ‚Hier wirst du dich wohlfühlen!‘

Ich bin auf der Fahrt nach Budapest. Ein Ort, bei dem sich das gleiche Gefühl der Vertrautheit unmittelbar eingestellt hatte, als ich vor Jahren das erste Mal aus dem Zug stieg und das von der Tageshitze ausgebleichte Licht der Abendsonne wahrnahm, wie es müde durch die Glasfassade des Keleti-Bahnhofs fiel. Daher kenne ich die Strecke und weiß, was mich gleich nach den weiten Feldern der slowakischen Tiefebene erwartet. Abrupt wird die Landschaft ihr Aussehen wechseln. Schwarze Berge werden links und rechts der Bahnstrecke emporwachsen und vor deren Felsen sich träge die tiefgrüne Donau winden.

Gestern bin ich von Göttingen aus aufgebrochen nach Osten, habe eine Nacht in Dresden bei meinen Eltern verbracht und von dort heute früh den Zug nach Budapest genommen. Wie so oft, vermeide ich es zu fliegen, wenn ich in den europäischen Osten reise. Nur so erhalte ich mir die Illusion, auf dieser riesigen Landmasse immer weiter reisen zu können. Wenn ich möchte, kann ich bis ans Schwarze Meer fahren, ohne dass mich eine Grenze daran hindern würde. Mit etwas Geduld und den richtigen Papieren, ginge es sogar noch viel weiter: durch die kasachischen Steppen, am Tian-Shan vorbei, Altai, Mongolei, Mandschurei, Kamtschatka, bis der Pazifik eine natürliche Grenze bildet. Diese Vorstellung, mich beinahe grenzenlos nach Osten treiben zu lassen, gibt mir das Gefühl der Freiheit. Die Suche nach diesem Gefühl ist einer der wesentlichen Gründe für mein Reisen.

Als ich meinen Blick wieder nach draußen richte, füllt die Abendsonne die Ankunftshalle des Keleti-Bahnhofs mit dem vertrauten Licht. Ein Lächeln legt sich auf mein Gesicht. Ich bin angekommen.

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