Die Orangenschlacht von Palermo

Sizilien_1Wenn ich an meinen ersten Tag in Palermo zurück denke, dann bilden die normannischen Dome und Paläste, in deren Mauernischen Schwalbennester hängen, die verfallenen Kirchen mit ihren rot leuchtenden arabischen Kuppeln, deren Innenwände mit gold glänzenden byzantinischen Mosaiken überzogen sind, die marmornen Könige, Heilige, antike Nymphen und Götter auf ihren Sockeln, ja sogar das Teatro Massimo, vor dem zwei Löwen gegen das Geknatter der Motorroller anzubrüllen scheinen, nur die Kulissen für das aufgeregte Geschnatter der vielen Schulklassen, die zum Aufbruch mahnenden Rufe der Reiseführer, das Kreischen tobender Kinder, das Glucksen und Rauschen der Brunnen sowie der allgegenwärtige Verkehr mit seinem Quietschen, Hupen, Rattern und dem Wiehern der Kutschengäule.

So sind wir Menschen nun einmal. Da können uns die historisch bedeutendsten und kunstvollsten Dinge vorgesetzt werden, deren Erschaffung Jahre und Jahrzehnte in Anspruch genommen hat, doch das, was uns mehr als alles andere bewegt und uns in Erinnerung bleibt, sind die Begegnungen mit dem Leben selbst, die nicht erschaffen wurden, sondern auftauchen aus dem Grundrauschen der Welt, um dort nach nur wenigen Sekunden wieder zu verschwinden.

Statt auf dem Heimweg zu meinem Hotel den direkten Weg einzuschlagen, streifte ich durch die engen Gassen der Stadt, in denen die an den Balkonen befestigten Bettlaken, Unterhosen und Hemden das schwächer werdende Tageslicht gänzlich abschirmten.

Auf einer hohen Steinmauer, die einen üppig blühenden Garten begrenzte, lagen drei Orangen fein säuberlich nebeneinander aufgereiht. Plötzlich tauchte neben ihnen eine kleine Hand auf, deren Finger sich am Vorsprung festkrallten. Unmittelbar danach erschien über den Orangen der Kopf eines Jungen im Alter von etwa zehn Jahren. Gewand und flink wie eine Katze zog er den Rest seines leichten zierlichen Körpers hoch und setzte sich auf den Sims. ‚Aha‘, dachte ich, ‚hier stehlen sie also Orangen statt Kirschen aus den Gärten‘. Einige Schritte entfernt von mir bespritzten sich zur gleichen Zeit vier Kinder mittels eines Wasserspenders. Kaum drehte ich meinen Kopf nach dieser kurzen Ablenkung wieder in Richtung des kleinen Diebes, da flog mir die erste Orange um die Ohren und schlug unmittelbar neben den Kindern auf. Diese versuchten nun ihrerseits die hinterhältige Attacke zu kontern und lenkten den starken Strahl des Wasserspenders in Richtung des Angreifers. Und schon befand ich mich inmitten einer leidenschaftlich geführten Orangen-Wasserschlacht, der ich nur mit Mühe, ohne dabei selbst Schaden zu nehmen, entkam.

Über den Ausgang der Schlacht kann ich aufgrund meines nicht sehr heldenhaften, fluchtartigen Rückzugs leider nichts berichten. Sicher ist nur, dass die Orangenschlacht nicht in die Geschichte Siziliens, wo leider viel zu viele Schlachten geschlagen wurden, eingehen wird. Dafür blieb diese, wie ich annehme, immerhin weitestgehend unblutig.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s