Punta Arenas

Patagonien_7„Montags haben Pinguine frei.“ Mit diesem Spruch empfing man mich in der Touristeninformation von Punta Arenas. Eigentlich wollte ich mir an dem einzigen Tag, den ich hier verweilte, bevor es weiter nach Feuerland ging, die Kolonie der Königspinguine anschauen. Um sie zu erreichen, hätte ich allerdings mit der Fähre nach Porvenir auf Feuerland übersetzen müssen. Doch diese fuhr Montags nicht. Königspinguine gibt es sonst nur in der Antarktis. Vor einigen Jahren haben sich aber auf Feuerland einige Tiere angesiedelt. Auf meine Nachfrage, ob denn wenigstens ein Ausflug zu den Magellanpinguinkolonien auf den Inseln der Magellanstraße möglich sei, gab man mir die Antwort, dass auch hier Montags kein Bus und kein Schiff diese Kolonien anfährt. So blieb mir nichts anderes übrig, als der südlichsten Stadt auf dem amerikanischen Kontinent mehr Aufmerksamkeit zu widmen, als ich eingeplant hatte, und den Pinguinen ihren freien Tag zu gönnen.

Schließlich hatte ich auf der Fahrt von Puerto Natales bis hierher schon genügend Vögel gesehen. In den kleinen Seen, die sich durch den hier recht häufigen Regen in den Senken des Weidelandes gebildet hatten, zogen rosafarbene Flamingos auf der Suche nach Nahrung ihre krummen Schnäbel durch das Wasser. An den Ufern grasten patagonische Gänse. Zwischen den Schafherden sah ich sogar zwei Nandus. Der Nandu ist ein südamerikanischer Laufvogel, der an den afrikanischen Strauß erinnert, jedoch wesentlich kleiner ist. Diese ornithologischen Beobachtungen blieben die einzige Abwechslung, die die trostlose, mit Regenwolken verhangene Graslandschaft sonst zu bieten hatte.

Die Touristeninformation befindet sich auf dem zentralen Platz Punta Arenas, der umgeben ist von prachtvollen Villen, die einst die Schafbarone von Patagonien die Familien Braun und Menéndez errichten ließen. Schafwolle zählte im 19. Jahrhundert zu einem der weltweit am häufigsten nachgefragten Rohstoffe. Die Stadt ist gewissermaßen auf Schafwolle errichtet worden und besitzt neben einer Kathedrale, Kaufhäusern und Cafés sogar ein Opernhaus. Heute nehmen die Schiffe im Hafen statt der Wolle vor allem Rohöl und Erdgas auf, was in der Nähe gefördert wird. Außerdem dient der Hafen den großen Kreuzfahrtschiffen aus Europa und den USA als letzter Ankerplatz, bevor diese von hier aus die Antarktis ansteuern.

Auf einem marmornen Sockel in der Mitte des Platzes steht ein Mann mit drahtiger Figur und einem bärtigen, kantigen Gesicht. In gelöster und gleichermaßen stolzer Haltung schaut er nach Osten, dort wo die nach ihm benannte Meeresstraße liegt, die Atlantik und Pazifik miteinander verbindet. Sein linker Fuß ruht auf einer Kanone. Eine solche Kanone verkündete am 28. November 1520, nach einer über einmonatigen Suche, donnernd, dass der Durchgang zum Pazifik gefunden war. Die unter ihm in unterwürfiger Haltung kauernden Indianer sind eher Ausdruck für die Geisteshaltung der Zeit, in der das Denkmal errichtet wurde, als dass sie für das Leben des Entdeckers Ferdinand Magellan stünden. Magellan hatte auf dem amerikanischen Kontinent keine Reiche für die spanische Krone erobert. So kam er kaum mit den Ureinwohnern in Kontakt. Sein Auftrag war es, den Westweg zu den Gewürzinseln Asiens zu finden, den Kolumbus vergeblich gesucht hatte. In die Geschichte jedoch ist er eingegangen als Kapitän und Admiral der Flotte, die als erste die Erde umsegelte. Tatsächlich gelang aber nur einem von fünf Schiffen die Rückkehr in den heimatlichen spanischen Hafen. Magellan selbst fand bereits auf den Philippinen in einem Scharmützel mit den Eingeborenen den Tod.

Seinem Blick folgend ging ich hinunter zur Magellanstraße. Das Wasseroberfläche bewegte sich kaum und lag so träge wie flüssiges Blei vor mir. Nichts wies darauf hin, dass es sich um eine der tückischsten Meerengen der Welt handelt, auf deren Grund zahlreiche Wracks liegen. Auf dem breiten Strand tollte ein Rudel Straßenhunde umher. Die weit in die Straße hineinreichende Seebrücke hatte schon lange niemand mehr betreten. Auf ihren morschen Holzplanken und Stützpfeilern saßen hunderte Antarkische Kormorane, die mit ihrer weißen Brust und dem schwarzen Rücken von weitem leicht mit Pinguinen zu verwechseln sind.

Eine Weile schaute ich noch auf die stille, graue Wasserstraße, an deren gegenüberliegendem Ufer man bereits die Küste von Feuerland erahnen konnte, und bog dann in die breite Avenida Colón ab. Auf deren Mittelstreifen reihten sich Denkmäler von Missionaren, Entdeckern, Seefahrern und Soldaten aneinander, die alle ihren Teil dazu beigetragen hatten, diesen südlichsten Teil des Kontinents für Chile zu erobern und gegen den ungeliebten Nachbarn Argentinien zu verteidigen. Mein Ziel war jedoch ein anderer, geschichtsträchtiger Ort dieser Stadt.

Der Friedhof von Punta Arenas lag auf einem kleinen Hügel etwas oberhalb des Zentrums. Ich betrat ihn durch ein unscheinbares Eisentor und ging zunächst an hohen Betonmauern vorbei, in die kleine Grabnischen eingelassen wurden. Nach Norden öffnete sich eine Allee, die von breiten, säulenartig beschnittenen Zypressen begrenzt wurde. Die vier Meter hohe Baumreihe ließ den sonst endlosen Himmel zu einem schmalen grauen Streifen schrumpfen und verhinderte auf diese Weise jegliches Abschweifen meiner Gedanken. So verschlungen die Lebenspfade der hier liegenden Menschen auch gewesen sein mögen, sie endeten alle hier an diesem Ort. Zuletzt, so schien es die gerade zulaufende Allee anzudeuten, gehen wir doch alle den gleichen Weg. Der Tod erlaubt nur Umwege, aber keine Auswege.

Auch wenn der Friedhof in jedem Reiseführer erwähnt wurde, war ich beinahe allein. Nur ganz am Ende der Allee kreuzte ein Friedhofspfleger, eine Schubkarre vor sich her schiebend, den Weg. Auf jedem zweiten Grab las ich einen Namen, der gar nicht hierher zu passen schien: „Klaus“, „Vilicic“ oder „Yoryevich“. Viele Europäer, darunter eben auch viele Deutsche und Kroaten, hatten hier zu Zeiten des weltweiten Booms der Schafwolle Arbeit auf den umliegenden Estancias gefunden. Vor allem die kroatischstämmigen Einwanderer sind immer noch sehr präsent. Ich erinnerte mich wieder, dass ich in der Nähe des Hafens ein kroatisches Clubhaus gesehen hatte und wir auf unserer Anreise zahlreiche Lastwagen passiert hatten, die an ihren Ladeflächen kroatisch klingende Firmennamen trugen.

Am äußersten Ende des Friedhofs lag ein Grab, das mir noch mehr Eindruck machte, als die ohnehin sehr eindrücklichen Gräber dieses Ortes. Jeder Grabstein war individuell gestaltet und erzählte etwas über das Leben der Verstorbenen. Besonders berührte mich die Grabstätte eines kleinen Mädchens, das Pferde über alles geliebt hatte und auf deren Stein nun bis in alle Ewigkeit zwei Schimmel und zwei Braune traben. Auf dem abgelegenen Grab aber stand die Statue eines Indianerjungen, unter dessen rechtem Arm ein Strauß Sonnenblumen geschoben und um dessen Hals Blumenkränze, Kruzifixe und ein Traumfänger gehängt worden waren. Seine linke Hand und sein linker Fuß glänzten wie Gold und zeugten von unzähligen Berührungen durch die Besucher dieser Ruhestätte. Der Boden zu seinen Füßen war bedeckt mit Blumen, Engelsfiguren, Heiligenbildern und erloschenen Kerzen. Man könnte meinen, der Junge sei erst vor kurzem gestorben. Doch dem war nicht so.

Auf der Gedenktafel war zu lesen: „Der unbekannte Indianer kam aus den Nebeln der Geschichte und ruht hier, beherbergt im liebenden Vaterland des ewigen Chilenentums.“ Eine Chilenin, die meine fragenden Blicke richtig gedeutet haben musste, erklärte mir, dass der Junge vor Jahrzehnten schwer krank von einer der Inseln in der Magellanstraße nach Punta Arenas kam und von den Einwohnern leider erfolglos gepflegt worden war. Der Tod dieses Ureinwohners muss ihnen so nahe gegangen sein, dass sie ihn auf dem Stadtfriedhof beerdigt hatten, der eigentlich nur den Weißen vorbehalten gewesen war. Vielleicht führte sie das schlechte Gewissen über das an der indigenen Bevölkerung begangene Unrecht zu dieser Entscheidung und bildete wiederum den Anlass, wenigstens einen von ihnen zum verehrungswürdigen Märtyrer eines beinahe ausgestorbenen Volkes zu machen. Mittlerweile ist das Grab eine Pilgerstätte geworden, an deren umgebenden Mauern hunderte von Steintäfelchen hängen. Auf jeder einzelnen ist eine Danksagung eingraviert. Die Pilger bedanken sich bei dem kleinen Indianer, dem „Indiecito“, für ein Stückchen Glück, wie die Geburt eines Kindes oder auch für gute Schulnoten, das ihrem harten Leben durch seine überirdische Hilfe hier im rauen und kalten Süden Patagoniens zuteil wurde.

Als ich den Friedhof verließ, begann es heftig zu regnen. Heute im 21. Jahrhundert vertraute ich dann aber doch lieber dem Schutzfilm meiner Regenjacke als dem meiner Haut, so wie es die hier lebenden Kaweshkar getan hatten. Zudem wusste ich, dass in meinem Zimmer eine funktionierende Heizung nur darauf wartete, die nasse Bekleidung trocknen zu können.

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