Torres del Paine

Patagonien_6Die Zeit der Entdeckungen auf dem Kontinent, der einst wie kein anderer für den Entdeckerdrang der westlichen Welt stand und damit wortwörtlich ein neues Zeitalter, die Neuzeit, einleitete, ist vorbei. Orte, die auf jeder Karte so abgelegen aussehen, als ob sie keines Menschen Fuß je betreten hätte, sind längst nicht mehr unberührt. Zu entdecken gibt es hier nur noch Geschichten, die man sich von den Abenteurern des 21. Jahrhundert, den Rucksacktouristen berichten lassen kann.

Nun wäre es naiv gewesen, hätte ich geglaubt, im Nationalpark Torres del Paine, den man weithin als den Schönsten Amerikas rühmt, alleine unterwegs zu sein. Auf einen Freizeitparkausflug allerdings war ich nicht vorbereitet. Bilden sich dort lange Schlangen vor den großen Attraktionen wie Riesenräder, Achterbahnen oder Himmelsschaukeln, steht man hier an, um entweder ein Foto von diesen gewaltigen, aus der chilenischen Pampa wachsenden Berge zu machen, oder wenn man eine Gruppe von Wanderern auf den schmalen Wegen überholen möchte. Hierhin wie dorthin kommen die Menschen in der Hoffnung auf ein Erlebnis. Doch dieses ist hier wie dort kein Bleibendes. Jedenfalls nicht für mich, nicht zu der Zeit, in der ich durch die Torres wanderte. Ein Stück Schokolade, das man hundertfach teilt, ist kein Stück Schokolade mehr, sondern nur noch ein brauner geschmackloser Krümel. Die Wege, auf denen ich ging, die Landschaft, die meine Augen berührten, alles das fühlte sich nicht echt an. Es war beinahe so, als hätte ich den Schlüssel, der mich diesem Kontinent gegenüber hätte aufschließen können, aus der Hand gegeben.

Ein wenig echter fühlten sich nur diejenigen Begegnungen mit Besuchern des Freizeitparks an, bei denen ich keine Naturwunder, sondern das Abendessen in den Unterkünften und Lebensgeschichten teilen konnte. Zu diesen Begegnungen etwa zählte die mit einem chilenischen Ehepaar: Beide waren Eltern von sechs Kindern, die offenbar keine Lust auf Wandern hatten, und Besitzer von 17 Hundewelpen, um die sich die lustlosen Kinder nun als Strafe kümmern mussten, so vermutete ich es jedenfalls. Wir lernten uns am ersten Abend kennen. Dicht gedrängt saßen alle Gäste der Unterkunft auf Holzbänken beieinander und jeder erkundigte sich, wer da links, rechts und gegenüber von einem Platz genommen und aus welchen Beweggründen die- oder derjenige sein zivilisiertes Leben für einige Tage gegen ein Leben in einer Gemeinschaft von Naturliebhabern eingetauscht hatte.

Nachdem sie erfahren hatten, dass ich Deutscher war, ergab sich eines dieser Gespräche, das so typisch für ganz Amerika sein musste. Beinahe jeder hier hat seine Wurzeln auf einem anderen Kontinent, die meisten in Europa, so dass man als Besucher aus der alten Heimat schnell ein gemeinsames Gesprächsthema findet. Sie hatte deutsche Vorfahren, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach Chile ausgewandert waren, darunter sogar eine Frau Baronin. Diese Urgroßtante von ihr hatte auf der Überfahrt ein Tagebuch geschrieben, das wohl noch in ihrem Besitz war. Sie erzählte mir von ihrem Wunsch, dieses dem Historischen Museum in Santiago de Chile zu vermachen, wozu ich sie ermunterte.

Er, so erfuhr ich, ging auf die Deutsche Schule in Santiago und sprach daher im Gegensatz zu seiner Frau auch etwas Deutsch. Wir begrüßten uns mit einem kurzen „Hallo!“ und Wie geht’s?“ um dann aber gleich wieder ins Englische zu wechseln, um ihr und den anderen Tischnachbarn zu ermöglichen, an unserem Gespräch teilzunehmen. Mittlerweile hatten sich zu uns ein amerikanischer Familienvater aus Salt Lake City und ein japanischer Frühpensionär gesellt. Den restlichen Abend drehte sich das Gespräch um die aus ihrer Sicht misslungene Verfilmung des Minenunglücks von San José, ein Ereignis, das vor etwa fünf Jahren erst das ganze Land und schließlich den Rest der Welt mehrere Wochen lang beschäftigte. In Puerto Natales hatte ich zuvor ein Denkmal sehen, das zu Ehren der verunglückten aber schließlich geretteten Minenarbeiter errichtet wurde, doch viel mehr konnte ich zu diesem Thema nicht beitragen.

Um zehn Uhr abends verabschiedeten wir uns zur allgemeinen Nachtruhe. Diejenigen, die die ganze Berggruppe der Torres del Paine umrunden wollten, mussten am nächsten Morgen bereits um vier Uhr aufbrechen. Ich gab mir etwas mehr Zeit zum Schlafen. Für mich sollte es schließlich auch nur 11 km zum Campamento Torres und von dort hoch zu den drei Felstürmen gehen, die dem Park seinen Namen gaben.

Zusammen mit einer Gruppe Franzosen machte ich mich am nächsten Tag auf den Weg, um nach wenigen Kilometern eine Zeit lang einigen Amerikanern hinterherzulaufen und im Anschluss an ein erfolgreiches Überholungsmanöver unter deutschen Wanderern den steilen und mit scharfkantigen Steinen übersäten Anstieg zu den Torres in Angriff zu nehmen. Oben angelangt, begann die Suche nach einem unbesetzten Stein. Diese gestaltete sich zunächst erfolglos. Wie am Swimmingpool eines Ferienhotels waren die besten Plätze bereits seit den frühen Morgenstunden besetzt gewesen. Allerdings wiesen diese hier eine höhere Fluktuationsrate auf. Viele machten nur ein Selfie, um sich nach einer kurzen Pause, in der die müden Füße in das eiskalte aber erquickende Wasser des kleinen Gletschersees unterhalb der Torres getaucht wurden, wieder auf den langen Abstieg zu begeben. Vergeblich hielt ich nach Kondoren oder anderen Tieren Ausschau. Nichts bewegte sich an den steilen Flanken der Felstürme. Dafür gab es ja schließlich genügend Bewegung hier unten unmittelbar vor meinen Augen. Auf dem Abstieg begegnete ich noch einmal dem chilenischen Ehepaar, allerdings, wie es sich für die Nachkommen einer Baronin gehörte, hoch zu Ross.

In diesem Rhythmus verliefen auch die restlichen drei Tage. Nur die abendlichen Gesprächsthemen mit den Gästen der „Refugios“ genannten Unterkünfte wechselten sich ab. Sie reichten, um die interessanteren zu nennen, von den Abenteuern eines Spaniers in Indien bis zu einem Fachgespräch über den Reichtum schottischer Dialekte.

Wieder heulte der Wind mit den Straßenhunden um die Wette und rüttelte an den Dächern von Puerto Natales, während ich im windstillen Zimmer meines Hotels diese vergangenen vier Tage im Nationalpark Torres del Paine Revue passieren ließ. Auf dem Rückweg vom Abendessen hatten, ganz tief im Süden stehend, die Eisspitzen der letzten Ausläufer Südamerikas im violetten Licht der untergehenden Sonne geleuchtet. Dorthin, wo Ferdinand Magellan einst den Durchbruch zum südlichen Ozean fand, wo er zeigte, dass die Welt weder einen Anfang noch ein Ende hatte, sollte mich nun meine weitere Reise führen.

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