Von Hoffnungen diesseits und jenseits der Grenze

Patagonien_5Von El Chaltén ging es nach weiteren zwei Wandertagen mit einem kurzen, aber notwendigen Zwischenstop in El Calafate über die nahe chilenische Grenze nach Puerto Natales. Auch am Sonntagabend waren die Restaurants und Kneipen von El Calafate gut gefüllt, als von der Straße her lautes Hupen, Trommeln und Sprechgesänge ertönten. Auf den Verladedecks mehrerer vorbeifahrender Geländewagen standen junge Frauen und Männer, die gelbe Fahnen schwenkten und den Sieg ihres Präsidentschaftskandidaten Mauricio Macri mit Trommeln und Sprechchören leidenschaftlich feierten. In der Bar, in der ich Platz genommen hatte, war die Stimmung gespalten: Ein Teil des Lokals applaudierte als das endgültige Wahlergebnis in den Fernsehnachrichten bekannt gegeben wurde. Die Verlierer dagegen wendeten sich, kaum noch redend, mit leeren Gesichtern wieder ihren Gläsern zu, die für den Fall des Sieges ihres Kandidaten vor kurzem noch gut mit Bier gefüllt wurden.

Mein Spanisch reichte gerade aus, um zu verstehen, dass nun nach beinahe zwölf Jahren die Herrschaft der peronistischen linksgerichteten Partei beendet war und mit Macri ein Kandidat des Gegenlagers gewonnen hatte. Ob er die in ihn gesetzten Hoffnungen der Menschen auf ein Ende der argentinischen Rezession erfüllen und einen wirtschaftlichen Aufschwung herbeiführen kann, muss sich noch zeigen.

Erst am Abend des nächsten Tages erreichte der Bus nach sechsstündiger Fahrt den kleinen Ort Puerto Natales. Eigentlich sollte die Fahrt nur vier Stunden dauern, doch ein kleiner Zwischenfall an der Grenze kostete uns zwei Stunden. Das Visum eines französischen Ehepaars war wohl kurz vorher abgelaufen und der zuständige argentinische Grenzbeamte weigerte sich energisch, den Bus weiterfahren zu lassen. Die Diskussion zog sich eine Weile hin. Schließlich mussten die Franzosen aussteigen und in Argentinien bleiben, wo sie nun erst einmal ihr Visum verlängern mussten.

Puerto Natales liegt am östlichen Ende des Fjords La Ultima Esperanza. Einmal in der Woche kommt eine Fähre von Puerto Montt, dem nächsten größeren Ort, über 1000 km im chilenischen Norden gelegen. Eine durchgehende Straßenverbindung zum Norden Chiles existiert nur über Argentinien. Der chilenische Süden besteht aus tausenden von Buchten und Fjorden. Auf der Karte betrachtet, sieht es so aus, als würde der Kontinent in diesen Breiten von den Winden geradezu auseinander getrieben. Die Südspitze, das wirkliche Ende des Festlandes, ist kaum noch auszumachen. Bis hierher eine direkte Straße zu bauen, wäre ein unglaublich teures Unterfangen. Stattdessen geben sich die Chilenen mit den zahlreichen Flugverbindungen in die südlich gelegene Provinzhauptstadt Punta Arenas zufrieden und nehmen für die Weiterreise einen Mietwagen oder den Bus.

Früher lebten hier die Kaweshkar, ein Volk von Seenomaden, die trotz der Kälte nur leicht bekleidet waren und lieber dem schützenden Fettfilm ihrer Haut, als schlecht trocknenden Fellen, vertrauten. Heute leben hier etwa 20.000 Menschen, allerdings kaum noch vom Fischfang und von Schafwolle sondern von Touristen, wie mir, die den Ort eigentlich nur als Ausgangspunkt für den nahegelegenen Nationalpark Torres del Paine nutzen und bei einem der vielen Anbieter Anreise, Ausrüstung und Unterkünfte für den Park buchen.

Nach dem Abendessen ging ich die lange Geschäftsstraße hinunter zum Hafen. Je weiter ich mich dem Wasser näherte, umso heftiger wurden die Böen, die an den quer über die Straße gespannten Stromkabeln rüttelten. Doch die Hoffnung, endlich das andere, den Kontinent umschließende Meer zu sehen, sein bereits zu hörendes Rauschen, sein salziger Geruch und das darin liegende Versprechen eines Freiheitsgefühls, das jeder kennt, der an Meeresufern steht und in die Weite hinausblickt, ließen mich weitergehen.

Eine ganz andere Hoffnung stellte sich jedoch für den Namensgeber des Fjords Juan Ladrillero als trügerisch heraus. Auf der Suche nach dem westlichen Eingang zur Magellanstraße strandete er hier im Jahr 1557 mit seiner völlig entkräfteten Mannschaft und einem schwer beschädigtem Schiff. Nach einer mehrmonatigen Irrfahrt war er in diesen Sund mit der allerletzten Hoffnung („… la ultima esperanza …“) hinein gesegelt, dass dies der Zugang zur Magellanstraße sei. Er fand ihn dann erst einige Jahre später auf einer zweiten Expedition.

Das Naturschauspiel, das sich meinen Augen dann endlich nach der letzten Straßenbiegung bot, übertraf meine Hoffnung bei weitem. Aus dem tiefschwarzen Wasser der Bucht erhoben sich die schneebedeckten Gipfel der vorgelagerten Inseln wie Eisberge. Von diesem wilden und schönen Anblick ging so etwas wie ein Gefühl der Unnahbarkeit und Sehnsucht zugleich aus. Die Abendsonne färbte den Himmel beinahe Orange und ließ die Wolken dunkelviolett anlaufen. Der Sturm hatte die tief stehenden unter ihnen übereinander geschichtet und so glatt gestrichen, dass sie eine Art Glocke ergaben.

Wieder zurück in meiner Unterkunft blättere ich noch ein wenig in den Gedichten Pablo Nerudas, die ich mir extra mitgenommen hatte, und lese diese so viel treffenderen Zeilen:


Ich berühre
den Süden der Erdensphäre,
lege auf dem Sande an, sehe die Pflanze schwarz
und dürr, nichts als Wurzel und Fels.
Die Inseln von Wasser zerwühlt und Himmel,
den Hungerstrom, das Aschenherz,
den Hof des Trauermeeres; und wo die einsame
Schlange zischt, der letzte
Fuchs verwundet gräbt und seinen blutigen Schatz verbirgt,
begegne ich dem Sturm und seiner alles
durchbrandenden Stimme,
seinem hundertlippigen Mund, Stimme alten Buches,
irgend etwas sagt er mir, etwas, das die Luft täglich verschlingt.*

Zum ersten Mal auf dieser Reise spüre ich so etwas wie die Seele dieses Kontinents.

 

* Pablo Neruda, Das Magellanische Herz (1519), in: Pablo Neruda, Gedichte, Frankfurt am Main 1963.

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