Los Condores (und andere Tiere)

Patagonien_4Von den drei Tagen, die ich wandernd in El Chaltén verbrachte, wird mir vor allem der erste in Erinnerung bleiben. Aufgrund der vielen Wanderer, die mir am ersten Abend erschöpft aus den umliegenden Bergen entgegen kamen und ihren Unterkünften zuströmten, rechnete ich kaum damit, auf meinen Touren auch Wildtieren zu begegnen. Aber da sollte ich mich täuschen.

Ausgerechnet auf dem Mirador Condores – als erfahrener Reisender weiß man eigentlich, dass solche viel versprechenden Landschaftspunkte in der Regel mit den langweiligsten Aussichten aufwarten – schraubte sich, gut sichtbar vor den Schneefeldern des Fitz Roy, ein schwarzer Schatten in den grauen wolkenverhangenen Himmel. Für einen Adler war der Schatten zu groß. Vollständige Sicherheit darüber, dass es ein Kondor war, erlangte ich jedoch erst, als der Vogel den Mirador in einer Höhe von etwa 30 Metern überflog und man seine weiße Halskrause deutlich erkannte. Minutenlang drehte er seine Runden über die Vorberge des Fitz Roy. Die starken Winde schienen ihm nichts auszumachen. Mit seiner Flügelspannweite von drei Metern und seinen langen Handschwingen, die nach der jeweiligen Luftströmung zu tasten schienen, erhob sich der Kondor zum Herrn über die Winde, die mich hier unten auf der Erde ziemlich piesackten.

Kurze Zeit später führte mich der Weg durch einen Wald voller Südbuchen. Wie schon am Perito Moreno Gletscher waren viele von ihnen umgeknickt. Einige, der von ihrer Rinde befreiten, weißlich grauen Stämme und Äste sahen aus wie Schädelknochen von urzeitlichen Tieren: Da lag zwischen zwei Mooshügeln ein Riesenschädel mit beinahe tellergroßen Augenhöhlen, zwischen denen ein Schnabel oder eine Art Rüssel hervor wuchs. Um einen dunklen morschen Stamm wand sich ein Lindwurm.

Der Pfad wurde nun steiler und steiniger und endete nach einer Weile auf einem Hochplateau. Gräser, Flechten und viele kleine Seen bestimmten die offene Landschaft. Einige Kilometer weiter nördlich konnte man sehen, wie die nun zu Zwergbuchen geschrumpften Südbuchen bis an den Rand des Fitz Roy Gletschers vordrangen. Westlich davon, erhoben sich weitere scharfzackige eisige Gipfel, die auf meiner Karte schon gar nicht mehr verzeichnet waren. Wie um die Ruhe des Hochtales nicht zu stören, schwiegen die Winde diesmal. Einzig der Feueraugentyrann machte seinem Namen alle Ehre und unterbrach die Stille durch seinen Gesang. Außer seinen feuerroten Augen hatte der amselgroße Vogel sonst allerdings nichts Tyrannisches an sich. Er zeigte sich zutraulich und nahm zu meinen Füßen ungeniert ein Sandbad. Weiter als bis zum Rio Blanco, der das Ende des Hochplateaus markierte, wollte ich am ersten Tag noch nicht laufen und erst am darauffolgenden Tagen die Wanderungen zu den Lagunen kurz unterhalb des Fitz Roy wagen.

Auf dem Rückweg setzte bereits die Dämmerung ein, als aus dem Seitengebüsch ein Skunk den Weg betrat. Eine kurze Weile schauten wir uns völlig überrascht in die Augen. Ich glaube, es war das Tier, das zuerst wieder die Fassung gewann und die Nase dicht über dem Boden haltend seinen Abendspaziergang fortsetzte. Was sollte ihm auch passieren? Hätte es doch mit seinen Drüsen, die unter dem schwarzweiß gestreiften, buschigen Schwanz sitzen und ein unangenehm riechendes Sekret verspritzen können, die weitaus wirksameren Argumente im Fall einer Auseinandersetzung gehabt. Unparfümiert setzte ich meinen Abstieg bis nach El Chaltén fort und hatte es wohl nur diesem Umstand zu verdanken, dass mir die Minibrauerei gegenüber meiner Unterkunft noch das allerletzte Pint des Tages servierte.

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