Die Fahrt nach El Chaltén

Patagonien_3Das erste Guanako, das ich zu sehen bekomme, ist ein totes Guanako. Von dem Tier ist beinahe nur noch sein Fell übrig geblieben, das über den Knochen hängt, wie ein Zelt, bei dem die Abspannleinen entfernt wurden. Guanakos sind etwas kleiner als ihre Verwandten im Norden, die Lamas. Im Gegensatz zu diesen sind sie wild lebend und werden nicht als Haustiere gehalten. Das arme Tier wird sich in einem der Zäune verfangen haben, die sich links und rechts der Straße schon seit Stunden hinziehen. Das Patagonien, das ich bisher gesehen habe, ist zweifellos eine sich endlos bis zum Horizont erstreckende Landschaft, die jedoch nicht annähernd endlos frei ist. Beinahe jedes Stück Land ist in Privatbesitz und ist durch Zäune eingehegt. Die nicht zu überschauenden Flächen werden als Weideland für Schafe und Rinder genutzt. Im Vorbeifahren sieht man nur einzelne Tiere, was jedoch weniger an der geringen Größe der Herden, diese können mehrere tausend Tiere umfassen, als an der Größe des Landes liegt.

Die Straße nach El Chaltén liegt vor uns wie eine schlafende Riesenschlange, deren grauer Körper sich die weite Ebene entlang bis dorthin zieht, wo man mit dem bloßen Auge die Grenze zwischen Pampa und Himmel nicht mehr erkennen kann. „El Chaltén“, „Rauchender Berg“, ist der Name, den die Tehuelche dem Gebirgsmassiv gegeben haben, der als nördlicher Teil des Los Glaciares Nationalparks eine der spektakulärsten Landschaften Argentiniens zu bieten hat. Besser bekannt ist das Massiv jedoch unter dem Namen „Fitz Roy“.

Robert Fitz Roy war Kapitän auf der Beagle, dem Schiff, auf dem Charles Darwin seine weltberühmte Forschungsreise rund um Südamerika unternommen hatte. Angeblich hat sich Fitz Roy auf einer seiner Erkundungsfahrten in den Westfjorden Südamerikas dem Berg mit seinem Schiff bis auf 50 km genähert. Den Einfluss des nahen Pazifik merkt man auch heute noch, wenn die vom Meer kommenden dunklen Regenwolken über die Spitze des Massivs hinweg jagen. Die ständig ihre Form wechselnden Wolkengebilde erzeugen den Eindruck, als spucke der Berg Asche in die Luft, was wiederum den Namen erklärt, den ihm die Ureinwohner gegeben haben.

In den letzten Jahrzehnten hat sich der Ort El Chaltén zu einem der Zentren für Trekkingtouristen aus aller Welt entwickelt. Eigentlich gibt es ihn nur wegen der Touristen. Beinahe jedes Haus in El Chaltén dient den Bedürfnissen der Bergsteiger und Wanderer. Auf der einzigen Hauptstraße sollen sich Trekkingläden, Bierbrauereien, Hostels, Wäschereien, Souvenirläden und Supermärkte aneinander reihen, erklärt mir mein Reiseführer.

Mit mir im Bus sitzt eine Gruppe argentinischer Bergsteiger, deren schwere Ausrüstung im Stauraum gerade meinen Rucksack platt drücken, aber auch Amerikaner, Deutsche, Chinesen und Franzosen. Als die Eis- und Granitzacken des Fitz Roy langsam aus der patagonischen Ebene emporwachsen, bildet sich vor der Frontscheibe des Doppelstockbusses eine lange Schlange. Es wird auf dieser Reise nicht das einzige Mal sein, dass ich bereue, das Land nicht mit einem Mietwagen zu erkunden. Auf diese Weise hätte ich selbstbestimmt fotografieren können. So muss ich die Landschaft hinter verstaubten Fenstern an mir vorbeiziehen lassen.

Die von den Bergen fallenden und über der Ebene Fahrt aufnehmenden Windböen bringen den Bus das eine oder andere Mal ins Wanken. Die Straße führt entlang des Lago Viedma. Mit einer kaum vorstellbaren Kraft heben die Böen das Wasser aus dem See und bilden einen mehrere hundert Meter breiten Wasserschleier über seiner Oberfläche. Bevor wir jedoch selbst abheben, erreicht der Bus nach vierstündiger Fahrt endlich den windgeschützten Ortseingang.

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