Perito Morenos Naturwunder

Patagonien_2Im Garten des Informationszentrums von El Calafate stehen aus Holz gefertigte Skulpturen einiger berühmter Persönlichkeiten, die in die Geschichte Patagoniens eingegangen sind. Unter ihnen sind Charles Darwin, der mir auf meiner weiteren Reise noch öfter begegnen wird und auch Perito Moreno. Letzterer, ein kleiner Mann mit einem ausgeprägtem Schnurrbart, wenn man dem Künstler glauben darf, hat Bedeutendes zur Festlegung der heutigen Grenze zwischen Argentinien und Chile und zur Begründung der Paläontologie als Wissenschaft beigetragen. In Patagonien werden weltweit mit die meisten Funde an Dinosaurierüberresten registriert. Die nächsten Fundstätten liegen jedoch leider zu weit abseits meiner Reiseroute. Ohnehin ist es gesetzlich verboten, privat auf die Suche nach Fossilien zu gehen und diese zu heben. Die eigentliche Leistung Morenos besteht für die Argentinier sowieso darin, die argentinische Grenze noch einige Kilometer nach Westen verschoben zu haben. Er hatte nämlich festgestellt, dass mehrere Seen noch zum Einzugsgebiet des Atlantiks und damit zu Argentinien gehören, weil ihre natürlichen Abflüsse durch Moränen blockiert sind und sie nur deshalb in den Pazifik abfließen. Die Antwort auf die Frage, was an Moränen unnatürlich sein soll, überlasse ich den Experten. Fest steht allerdings, dass der Nationalpark, in dem ich die nächsten Tage wandern werde, und der Gletscher, zu dem mein heutiger Ausflug gehen soll, nach ihm benannt wurden.

Von El Calafate fahren täglich mehrere Busse die 80 km lange Strecke bis zum Perito Moreno Gletscher. Ich nehme den frühesten, der noch zu bekommen ist. Im Bus surrt die Klimaanlage, auch wenn es aufgrund der kühlen Außentemperatur gar nicht nötig wäre. Dick eingepackt lasse ich die Landschaft an mir vorüberziehen. Im Vordergrund die graugrüne, bläuliche Pampa, die ihre Farbe durch die dicht an den Boden gedrückten Büsche und den grauen, steinigen Boden erhält, dahinter als schmaler türkisblauer Streifen der eisige Lago Argentino, unscharf zeichnet sich am Horizont eine ockerfarbene Bergkette ab, darüber der milchig blauen Himmel.

Kurz hinter der Einfahrt zum Los Glaciares Nationalpark werden wir angehalten. Eine Rangerin betritt den Bus und drückt jedem von uns nach bezahltem Eintritt eine Plastiktüte in die Hand. „Für den Müll.“ sagt sie. Nichts darf im Park bleiben, auch organische Abfälle, wie Bananen- oder Orangenschalen, müssen wieder mitgenommen werden. Nach diesem Belehrungszwischenstopp geht es weiter auf einer kurvigen Straße immer entlang am südlichen Teil des Lago Argentino in Richtung Gletscher. Die Pampa ist einem Wald aus Südbuchen gewichen. Viele Bäume konnten den starken Gletscherwinden nicht standhalten, so dass von ihrem Stamm nur noch ein zersplitterter Stumpf steht und die Krone umgeknickt auf dem Waldboden liegt. Es beginnt zu schneien. Der Perito Moreno-Gletscher scheint nicht mehr weit weg zu sein. Und tatsächlich, dort, wo sich eigentlich der südliche und nördliche Teil des Lago Argentino treffen und die Magellan-Halbinsel umschließen sollten, türmt sich eine bis zu 50 m hohe Eismauer auf. Die Ausflugsschiffe, die an dem mächtigen Gletscher entlang fahren, wirken dagegen wie Spielzeugschiffe in einer Badewanne. Unser Bus hat sein Ziel erreicht und lädt uns auf dem zentralen Parkplatz aus. Von hier aus geht es nur noch zu Fuß weiter.

Eines der größten Naturwunder Südamerikas besucht man nicht allein, doch aufgrund des schlechten Wetters sind nicht ganz so viele Reisegruppen unterwegs. Die bis zu zwei Kilometer langen, eingerüsteten Wege und Aussichtsplattformen wurden an der Spitze der Magellan-Insel auf einem Berghang direkt gegenüber vom Gletscher errichtet. Immer wieder hört man lautes Knacken, gefolgt von einem dumpfen aus der Tiefe des Eises kommenden Grollen. Unwillkürlich richten alle ihre Kameras in die Richtung, aus der das Geräusch kam. Das Eis lebt. Auch wenn die blau schimmernden, scharfzackigen Zinnen und Türme des Eispalasts wie für die Ewigkeit gemacht zu sein scheinen, können sie im nächsten Moment in sich zusammenfallen und mit einem lauten Getöse in den, bereits mit abgebrochenen Eisbergen übersäten, See fallen.

Der Schnee geht in Regen über. Es wird ungemütlich. Die Wolken hängen tief über dem Gletscher, so dass sich die umliegenden Berge nur schemenhaft vom weißen Untergrund abheben. Nach drei Stunden nehme ich durchgefroren in dem Café in der Besucherstation Platz. Der dampfende Tee im Plastikbecher vor mir hat mich 50 Pesos, umgerechnet 5 Euro gekostet. Es ist wie überall auf der Welt, hat man früher noch auf Kosten der Natur Geld verdient, geschieht diese heute immer häufiger (wenn auch noch zu selten) durch die Natur. Daran ist, wie ich finde, nichts verwerfliches. Stünde ich als Natur vor der Wahl, das Kamerageklicke von Touristen auf eingerüsteten Wegen oder aber Holzabschlag, Staumauern und alles zermalmende Straßenbaumaschinen ertragen zu müssen, ich glaube, ich würde mich für ersteres entscheiden. Wobei mir ziemlich egal wäre, wie tief man meinen Besuchern dabei in die Tasche greifen würde. Hauptsache, ich habe meine Ruhe. Auch wenn diese Überlegungen etliche „Wenns“ und „Abers“ ausklammern, so lassen sie mir doch meine Tasse Tee schmecken. Mehr gibt es heute nicht zu erzählen, denn die Rückfahrt im Bus habe ich, wiederum bekleidet mit Schal, Mütze und Handschuhen, leider verschlafen.

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