Auf nach Patagonien

Patagonien_1Die patagonische Wüste ist alles andere als eine Einöde, auch wenn sich bei einem flüchtigen Blick aus dem Flugzeug eine riesige, graue Landmasse bis zum Atlantik zieht. Mit etwas Glück habe ich auf dem Flug von Buenos Aires nach El Calafate einen Fensterplatz bekommen.

Die Flüsse unter mir führen sicher schon seit Jahrzehnten vielleicht sogar seit Jahrhunderten kein Wasser mehr. Aus der Vogelperspektive ähneln die Konturen ihrer ehemaligen Verläufe kahlen Bäumen, deren Astenden in Seen münden, deren Oberflächen nicht mehr blau, grau oder grün, sondern weinrot, braun und weiß schimmern. Statt eines geraden Straßennetzes durchzieht ein chaotisches Muster von Linien die Wüste, deren Funktion, wenn sie denn eine haben, mir nicht ersichtlich ist. Bald darauf ändert sich die Farbe der Erde. Ihr Farbenspektrum reicht nun von Gelb, Orange und Rot bis Dunkelbraun. Grund dafür sind die verschiedenen Gesteinsschichten, die durch die Elemente freigelegt wurden. Aus den kleinen Flussläufen sind breite Täler geworden. Statt wie eine Wachstafel mit einem feinen Stift, hat die Natur die Erdoberfläche hier mit einem groben Werkzeug bearbeitetet, so dass von der obersten Schicht nur noch einzelne Tafelberge übrig geblieben sind.

Ansiedlungen sehe ich keine. Wie sollte man auch zu ihnen gelangen? Nichts deutet darauf hin, dass der Mensch in diese Urlandschaft jemals einen Schritt gesetzt hat. Dennoch landen wir auf einem kleinen Flughafen, dessen verglaster und in der Sonne glänzender Terminal eher an eine Raumstation erinnert.

In Buenos Aires hat mich der Frühling empfangen, hier weht mir zur Begrüßung der eiskalte patagonische Wind entgegen. Zum Glück ist er so berühmt wie berüchtigt, so dass ich die Auswahl meiner Reisebekleidung darauf einstellen konnte. Es ist abends um acht, doch nichts deutet darauf hin, dass die Sonne noch untergeht. Mir wird klar, wie weit im Süden ich hier sein muss. In der südlichsten zu Argentinien gehörenden Provinz Patagoniens, das doch eigentlich schon 1500 km nördlich von hier beginnt. Weiter im Süden liegt nur noch Feuerland. Auf der Fahrt nach El Calafate fallen einem sofort die goldgelb blühenden Sträucher auf, die der Ansiedlung am Lago Argentino ihren Namen gaben und hier überall zu finden sind.

Es ist spät geworden, zu spät, um noch irgendwo ein Abendessen zu bekommen. Zudem liegt meine Unterkunft weit draußen vor der Siedlung. Ein klein wenig hatte ich noch gehofft, hier in absoluter Dunkelheit das Kreuz des Südens erblicken zu können. Doch die Sonne wacht in dieser Jahreszeit selbst bis tief in die Nacht eifersüchtig über das Licht.

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