Nagasaki

Ihr Rumpf schimmert blau im Sonnenlicht wie ein Splitter von Lapislazuli. Die Flügel drehen sich mit 30 Schlägen pro Sekunde. Sie steht über dem Wasser, dann über dem Schilf, über den Steinen, wieder über dem Wasser. Sie durchfliegt den Raum nicht, sie wechselt Orte. Es ist heiß im Botanischen Garten von Göttingen, so heiß wie damals auf meiner ersten Japanreise in Nagasaki, als ich in der Mittagshitze die Flugmanöver einer Libelle über einem Gartenteich fotografieren wollte. Nur die Zikaden zirpen nicht. Aber was heißt hier „zirpen“? Kreissägen, ein ganzes Kreissägenorchester spielte besonders in den heißesten Stunden des Tages laut auf. Vor 70 Jahren um 11:02 Uhr jedoch schwiegen die Zikaden. Es war das erste Mal, seit sie sich in den Hügeln von Nagasaki niedergelassen hatten. Und das war lange bevor die ersten Menschen ihren Gesang ertragen mussten und noch länger bevor der Lärm der Stadt ihnen Konkurrenz machte. An diesem Morgen fiel die Sonne vom Himmel.

Ihr Licht löschte dasselbe aus den Augen der Sehenden. Ihre Hitze verdampfte alles Wasser, auch das, über dem die Libelle eben noch schwebte, und verdampfte sie gleichermaßen. Ihre Winde rissen das Leben von den Hügeln und fetzten tiefe Wunden in die glühende Erde. Erst ihr schwarzer, giftiger Regen kühlte die Wunden und ließ sie eitern. Nach diesem Tag gab es keine Nacht. Blutrot verschloss sich der Himmel vor den ewig leuchtenden Sternen, so dass die Rufe der Lebenden nach Wasser vom Firmament wieder zurück auf die Erde hallten. Ein neuer Morgen brach nie an.

Die unterirdische Halle, in der ich stand, wurde durch Tageslicht erhellt, das die sie stützenden Säulen hinunter kroch und zum Leuchten brachte. Das Licht führte meinen Blick in Richtung eines Altars, auf dem statt Blumen bunte Stoffe zum Gedenken an die Opfer lagen. Hinter dem Altar floss Wasser eine ebenso durch Tageslicht erhellte Wand hinab und erfüllte den Raum durch sein leises Gurgeln mit Leben. Der Ort, auf den vor 70 Jahren die zweite Atombombe fiel, barg nun gerade das reichlich, wonach die Überlebenden damals vergeblich riefen, Wasser.

Oben im Friedenspark gab es weitere unzählige Springbrunnen. Noch gut in Erinnerung ist mir der, dessen Wasserstrahlen die Flügel einer Taube formten, dem stärksten Symbol für die Hoffnung auf ein Nie wieder. Niemals wieder!

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