Einmal Asien und zurück: Dritter Tag

Istanbul4Heute morgen wollen wir uns als erstes die viel gerühmten und fotografierten Gewürzberge des Ägyptischen Basars anschauen. Dieser liegt etwas versteckt neben der Neuen Moschee und ist durch sein unscheinbares Äußeres gar nicht so einfach zu finden. Wir passieren zunächst einige der in allen Basars üblichen Stände mit Goldschmuck und Tuchwaren bis sich die ersten Gewürzberge aus dem Halbdunkel erheben: Safrangelb, Kaminrot und Ocker. Es sind die Farben der Erde, die sich vor unseren Nasen auftürmen. Doch sie riechen nicht sehr intensiv. Die Händler sind entspannt, als wir einige Fotos machen. Draußen ist die Luft staubig und unsere Kehlen trocken. An einem Obststand machen wir Halt und holen uns zwei frisch gepresste Säfte für den weiten Weg, den wir heute noch vor uns haben. Zu Fuß wollen bis an die äußerste Grenze des alten Istanbul, durch das jüdische und griechische Viertel bis zum Chora-Museum, eine ehemalige über 800 Jahre alte byzantinische Klosterkirche, um von dort mit einer Fähre nach Asien überzusetzen.

Vom Basar gehen wir zunächst den Hügel hinauf, auf dem die Süleyman Moschee steht. Diesmal wollen wir jedoch nicht die Aussicht genießen, sondern sie von innen anschauen. Als Touristen müssen wir einen anderen Eingang als die Gläubigen benutzen. Der große Gebetsraum, über dem ein riesiger Leuchter hängt, ist für uns Nicht-Muslime Tabu. An seiner hölzernen Absperrung steht eine junge Frau, die bereitwillig die Fragen der Besucher auf Englisch, mit einem leichten amerikanischen Akzent, beantwortet. Zum Beispiel die Frage nach dem Zweck der Straußeneier, die zwischen den einzelnen Lampen der großen Leuchter hängen? Sie versichert uns glaubhaft, dass diese die Spinnen vertreiben. In Gedanken gehe ich die Ecken meiner Wohnung durch und überlege, ob dort ein Straußenei hinein passt.

Auf den Wegen westlich der Süleyman Moschee sind wir auf unseren Stadtplan angewiesen. Hier trifft man keine Touristen mehr. Wir gehen an einer kleinen Moschee vorbei, die in sich zusammengekauert am Rand eines mit Gräsern zugewachsenen Platzes steht. Ihr Putz ist schon lange abgefallen. Übrig geblieben sind nur noch die roten Ziegelsteine. An der gegenüberliegenden Straßenecke sitzt ein alter Mann hinter einem hölzernen Lastenkarren, auf dem grüne, dünne und sehr lange Pflanzenbüschel geschichtet sind, die ein wenig an die Stengel von Spargelpflanzen erinnern. An diesen hängen grüne Früchte, die etwas größer als Oliven sind. Wenig später wissen wir, was es mit diesen Pflanzen auf sich hat. An einem Straßenübergang sehen wir einige Kinder, die sich gleich mehrere dieser Früchte in den Mund stecken, kauen, aber nicht hinunter schlucken. Möglicherweise gehört die Pflanze, wie Kautabak, Kokablätter oder Betelnüsse, zu den Mitteln, die anregend wirken und die Müdigkeit vertreiben. Vielleicht hätte ich doch mal probieren sollen.

Über die mehrspurige Atatürk Straße, die sich vom Goldenen Horn bis hier oben schnurgerade hinaufzieht, führt der Valens-Aquädukt, den der römische Kaiser Flavius Valens errichten ließ. Zwischen seinen Bögen donnert der Verkehr hindurch. Unweit davon sehen wir schon die Minarette der Fatih Moschee, die vom Eroberer Konstantinopels Sultan Mehmet II. errichtet wurde. Mit ihrer großen Kuppel und den sie stützenden Halbkuppeln ähnelt sie, wie alle großen Moscheen Istanbuls, der Hagia Sophia. In ihrem Vorhof jagen sich Kinder gegenseitig ihre Umhängetaschen ab, fallen laut schreiend übereinander her und rollen sich über den kalkweißen Boden. Die Gläubigen scheint das wenig zu stören. Sie waschen geduldig ihre Füße am Reinigungsbrunnen, um sich zum Dhuhr, dem Mittagsgebet, in der Moschee zu versammeln. Dem Moscheewächter jedoch missfällt der Kinderlärm und so stürmt er mitten unter sie. Wie aufgescheuchte Tauben sprengen diese auseinander und verstecken sich in den umliegenden Gassen. In einem kleinen benachbarten Hof wiederholt sich das Schauspiel, nur dass es diesmal die Kinder sind, die einen großen Schwarm Tauben aufscheuchen. Obwohl ich dabei mitten in der Fluchtrichtung der Tauben stehe, berührt mich doch keine mit ihren Flügeln. Ich halte einfach nur meine Kamera rein, drücke den Auslöser durch und schon steht diese Szene für immer still.

Die Straßen werden nun immer verwinkelter. Wenn sie einen hinabführen, kann man sich sicher sein, dass es hinter der nächsten Biegung wieder hinaufgeht. In den schmalen Gassen sind die Häuserwände mit Mosaiken geschmückt. Dieser Fassadenschmuck ist uns nur hier in Fatih und sonst in keinem anderen Stadtteil aufgefallen. Straßenhändler schieben ihre Wagen die steilen Anstiegen hinauf. Solch ein Wagen besteht meist nur aus vier Rädern, auf denen eine Holzplatte ruht, auf der wiederum Gemüse, Obst, Fleisch oder Brot geschichtet sind. Alle paar Meter machen sie Halt und rufen ihre Waren aus. Am Rande einer abwärts führenden Treppe entwirrt sich plötzlich das Straßenlabyrinth und gibt den Blick auf die Hügel von Istanbul frei. Auf einem von ihnen steht ein mächtiges rotes Backsteingebäude, das griechische Jungengymnasium. Darunter liegt der Stadtteil Fener. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts lebten hier Griechen als Nachfahren der Byzantiner. Noch heute befindet sich in Fener der offizielle Amtssitz der griechisch-orthodoxen Kirche.

Wir gehen die Treppe hinunter, bis wir beinahe wieder auf der Höhe des Goldenen Horns sind. Die Gegend wird belebter und touristischer. Kleine Geschäfte, Cafés und Bäckereien tauchen links und rechts von der Straße auf. Uns werden Orangen angeboten. Mit geübtem Blick presst der Händler ihren Saft mittels einer antiken Handpresse direkt in die darunter geschobenen Plastikbecher. Nun ja, beinahe direkt, etwas von dem feinherben, süßlichen Saft bleibt an unseren Händen kleben. Zur Chora-Kirche müssen wir nur noch diese Treppen hinauf, denken wir, finden uns aber stattdessen alsbald an der byzantinischen Stadtmauer wieder, die wir noch etwas weiter westlich vermutet hatten. Als ob sie eben erst von den Türken gestürmt worden wäre, weht die rote Fahne mit dem weißen Halbmond auf einem ihrer vorgelagerten Aufbauten. Erst ein weiterer Schlenker und eine Linkskurve führen uns in die Kariye(=Chora)-Straße, an deren Ende wir unter einem Blätterdach endlich die Chora-Kirche sehen. In der Kirche ist es kalt und dunkel. Nur die Beleuchtung der annähernd einhundert Mosaiken und Fresken lässt etwas Licht in die Gänge fallen. Auf ihnen wird das Leben Jesu sowie Szenen der Wiederauferstehung und des Jüngsten Gerichts dargestellt. Allzu viel Zeit bleibt uns nicht, die Mosaiken zu betrachten, denn wir wollen noch nach Asien.

Zurück geht es schneller. Das Goldene Horn liegt direkt unter uns, so dass wir den Straßen immer nur abwärts folgen müssen, um, wie wir hoffen, von hier aus eine Fähre nehmen zu können. Unten angekommen, finden wir jedoch nur ein Wasserflugzeug vor, das uns sicher auch nach Asien bringen könnte. Ein Fähranleger ist aber weit und breit nicht zu sehen. An dem begrünten Ufer der an dieser Stelle schon sehr schmalen Bucht haben sich Familien zum Picknicken und Grillen niedergelassen. Zwischen ihnen spielen sich schwarz verschleierte Frauen einen Volleyball zu. Jedesmal, wenn der Ball zu weit fliegt, löst sich der schwarze Kreis in heller Aufregung und mit großem Lachen auf, um sich bald darauf wieder zu schließen. Wir entscheiden uns, in einen der vielen Busse zu steigen, die beinahe minütlich auf der gleich neben dem Ufer gelegenen Hauptstraße entlang fahren. Wenn wir einen nehmen, auf dessen Anzeige „Eminönü“ steht, können wir nichts falsch machen. Trotz ihrer großen Anzahl ist beinahe jeder voll, so dass auch wir bis zur Endhaltestelle stehen müssen. In Eminönü gehen wir an Bord der Fähre, die uns nach Üsküdar bringt, dem Stadtteil, der auf der asiatischen Seite Istanbuls liegt.

Mittlerweile hat sich ein staubiger Dunst über die Stadt und den Bosporus gelegt, so dass die blauen und roten Farbtöne, die uns an den Vortagen noch umgaben, gänzlich verblasst sind. Unser eigentliches Interesse gilt jedoch eh den herrlich saftigen, mit klebrigem Honig überzogenen Baklava-Teilchen, die wir in einer Bäckerei in Fener geholt haben. Die Blätterteigröllchen sind meist mit einer Pistazien- oder Walnussmischung gefüllt. Silkes Augen müssen vor Freude wohl noch mehr geglänzt haben als meine, denn eine, uns gegenüber sitzende, Frau holt lächelnd eine Makrone aus ihrer Tasche und gibt sie Silke mit der freundlichen Aufforderung, doch zunächst diese zu probieren. Wir teilen sie und tatsächlich ist auch diese Süßigkeit nicht zu verachten. Von uns gänzlich unbemerkt, haben wir inzwischen den Kontinent gewechselt. So gehen wir als letzte Passagiere von Bord, nicht jedoch ohne das Betreten des anderen Kontinents fotodokumentarisch zu würdigen.

Obwohl Asien doch so viel mehr Raum bietet als Europa, ist es hier ebenso voller Menschen. Auf der Uferpromenade von Üsküdar tummeln sich Ballonverkäufer, Schuhputzer sowie Waffel- und Eisverkäufer. Wir umkurven mehrere Hochzeitsgesellschaften, die ungeduldig darauf warten, endlich an Bord ihrer Party-Jacht gehen zu können, auf der sie sicher die kommende Nacht durchfeiern werden. Von der Promenade aus kann man mit einer Luftpistole auf Luftballons schießen, die, an einem Seil befestigt, im Bosporus treiben. So brauchen die Schießbudenbesitzer, die keine Budenbesitzer sind, noch nicht mal Standgebühren entrichten. Die älteren Männer verbringen den Abend, ohne es überprüfen zu können, würde ich behaupten, wie jeden Abend, mit ihrer Angel, die einmal ausgeworfen, am Geländer stehen bleibt, während man selbst ein Schwätzchen mit dem Nachbarn hält. Alles erinnert mich an einen großen Jahrmarkt, der sich jedoch, statt sich auf einem großen Platz zu konzentrieren, mehrere Kilometer in die Länge zieht.

Wir laufen so weit, bis wir uns gegenüber vom Mädchenturm befinden, der am Ausgang des Bosporus zum Marmarameer auf einer kleinen Insel steht. Der Legende nach soll hier die Tochter des Sultans vor einem prophezeiten Schlangenbiss in Sicherheit gebracht worden sein. Legenden werden leider häufig erst zu Legenden, wenn sie nicht gut ausgehen. So ist auch diese zu einer solchen geworden. Ein kleines Schnellboot bringt die Gäste hinüber, die das Glück hatten, einen Tisch in dem begehrten Restaurant des Turmes zu bekommen. Um in Abendgarderobe mit Absatzschuhen hinüberzukommen, benötigen deren Trägerinnen durchaus etwas artistisches Geschick, wie wir bei zwei Frauen beobachten können, die versuchen, auf dem schwankenden Boot Halt zu finden.

Hinter uns flanieren die Menschen, vor uns liegt der Bosporus, den silbrigen Glanz des bedeckten Himmels beinahe vollständig widerspiegelnd. Nur ein schmaler Streifen schimmert rosé, wo sich das Licht der Abendsonne noch einmal durch den Staub der Metropole kämpft. Der Bosporus bildet nicht nur die wichtigste Verkehrsstraße für die Menschen, die Waren vom Schwarzen Meer in das Mittelmeer transportieren wollen. Er ist insbesondere auch eine Wanderroute für zahlreiche Tiere. Große Schwärme von Vögeln gleiten über seine Oberfläche, vereinzelt sieht man Kormorane und immer wieder Möwen. Direkt neben dem Mädchenturm fliegen soeben hunderte von ihnen aufgeregt nur wenige Meter über der Wasseroberfläche. „Delfine! Da sind Delfine!“ ruft Silke plötzlich. Ich schaue aufmerksam in die Richtung in die sie zeigt. Tatsächlich, nun sehe ich sie auch. Es muss eine ganze Schule sein. Manchmal tauchen gleich drei, vier Rückenflossen auf einmal zwischen den Wellen auf. Hin und wieder springt ein Einzelner sogar aus dem Wasser. Offensichtlich jagen sie einen größeren Fischschwarm. Wir starren so lange durch unsere Fotoobjektive auf die aufgewühlte See, bis es zu dunkel ist, um Rückenflossen zu fotografieren.

Langsam schlendern wir den Weg zurück. Am europäischen Ufer wird ein großes Feuerwerk gezündet. Wir schaffen es gerade noch, die Neun-Uhr-Fähre zu erreichen. Auf dem Oberdeck sind nur wenige Passagiere. Vom Marmarameer weht ein kalter Wind, so dass wir uns alles überziehen müssen, was wir dabei haben. Wie um uns zu erwärmen, jagen die Istanbuler an beiden Ufern ein kleines Feuerwerk nach dem anderen in die Luft. Gänzlich unaufgeregt dagegen gurgelt unter unseren Füßen der tiefschwarze Bosporus. Es ist der letzte Abend einer glücklichen Reise.

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