Ein Ort voller Geschichte und Geschichten: Zweiter Tag

Istanbul3Wenn man nur einen Ort in Istanbul besuchen dürfte, der sinnbildlich für die Geschichte der Stadt steht, dann müsste es die Hagia Sophia sein. Als christliche Kirche erbaut und nach der Eroberung Konstantinopels im 15. Jahrhundert zur Moschee umgeweiht, wurde sie schließlich unter Atatürk in ein Museum, ein Erbe der Menschheit, losgelöst vom Glauben, umgewandelt. Von außen gewaltig und durch die massigen Stützbauten an ihren Seiten eher wie eine Festung wirkend, hat sie in ihrem Innern etwas von ihrer Leichtigkeit bewahrt, für die sie seit 1500 Jahren gerühmt wird. Die 40 Fenster unter der Kuppel bilden einen Lichtkranz, auf dem diese zu schweben scheint. Nicht umsonst ist direkt unter der Kuppel eine arabische Kalligraphie des Lichtverses aus dem Koran angebracht: „Gott ist das Licht des Himmels und der Erde.“ In der Apsis findet sich ein Mosaik, das Maria mit dem Kind zeigt, links und rechts von ihr preisen gewaltige Rundschilde die Namen Mohammeds und Allahs. Unwillkürlich stelle ich mir die Frage, ob dieses Nebeneinander dem Raum seine Sakralität nimmt. Sicher, die vielen Besucher um mich herum sind nicht zum Beten hierhergekommen. Aber hat Gott dieses Haus verlassen, nur weil es ein Museum ist? Vielleicht trägt dieser Ort seinen Namen „Hagia Sophia“, „Heilige Weisheit“, nicht zu unrecht und man sollte intensiver darüber nachdenken.

Die Besucher drängen sich vor allem vor den freigelegten byzantinischen Mosaiken, deren goldene Teilchen trotz des geringen Lichteinfalls unwirklich flirren. Alle Mosaiken wurden erst im 19. und 20. Jahrhundert wiederentdeckt, nachdem sie von den Türken übertüncht wurden. Heutzutage ist man bemüht, beides zu bewahren: die arabischen Kalligraphien und Dekormalereien ebenso, wie die freigelegten Mosaiken. Weitere Freilegungen zu Lasten des jetzigen Erscheinungsbildes sind nicht geplant.

Nach drei Stunden geht nicht nur meinem Audioguide der Saft aus, auch uns knurren die Mägen. Die Auswahl an heimischem Fastfood ist groß: Döner, Dürüm, Lahmacun. Statt dem bei uns gebräuchlichen Kalbfleisch, wird hier aber noch nach alter Tradition geschichtetes Lamm- oder Hammelfleisch vom Spieß geschnitten. Dazu gibt es leckeren türkischen Joghurt.

Wir müssen uns beeilen, die letzte Bosporusfahrt des Tages geht in zwanzig Minuten. Vorbei an Obsthändlern, Saftverkäufern, alten Frauen, die uns Taschentücher verkaufen wollen, geht es im Laufschritt hinunter nach Eminönü. Hier legen die lokalen Fähren und Ausflugsschiffe ab. Wir wollen uns keine Tour aufschwatzen lassen und suchen den offiziellen Ticketverkauf. Es ist heiß. In einem Zeitungskiosk neben dem Fähranleger werden eiskalte Wasserflaschen verkauft. Eine willkommene Erfrischung! Auf dem Oberdeck des Schiffes sind alle Schattenplätze schon belegt. Wir finden einen Platz an der Reling und hoffen (vergeblich) auf den Seewind, sobald wir auf den Bosporus hinausfahren.

Das Display auf unserem Audioguide ist nicht zu erkennen, der GPS-Empfänger für das automatische Abspielen der Beiträge funktioniert nur sporadisch. Da wir zudem an einem Gerät hängen, sind spontane Bewegungen nur eingeschränkt möglich. Wir nehmen die Hörer ab. Man hat sich ja auch so etwas über diese Wasserstraße angelesen. Der Sage nach erhielt sie ihren Namen durch einen aufgedeckten Ehebetrug. Als der Göttervater Zeus der Erde einen Besuch abstattete, verliebte er sich in die Nymphe Io. Um sie vor Hera, seiner Gattin, zu verbergen, verwandelte er sie in eine schneeweiße Kuh. Hera aber erkannte den Betrug und schickte der Kuh eine Bremse auf den Leib. In Panik flüchtete diese durch die Meerenge, die seitdem „Bosporus“, „Furt der Kuh“, heißt, ins Schwarze Meer. Etwas wahrscheinlicher ist die Geschichte vom Perserkönig Dareios, der um 500 v. Chr. in einem Feldzug gegen die Skythen an der engsten Stelle des Bosporus eine Brücke schlagen ließ. Seither ist nur noch eine weitere Brücke hinzugekommen. Was für eine bautechnische Meisterleistung dahintergesteckt haben musste, begreift man allerdings erst, wenn man die „engste“ Stelle des Bosporus gesehen hat und sich die Baukosten, der ganz in der Nähe befindlichen zweiten Bosporusbrücke, von 130 Mio. US-$ bewusst macht. Zwar musste diese Brücke keinem Pendelverkehr von täglich vielen tausend Fahrzeugen standhalten, aber immerhin einem Heer von 70.000 Mann Übergang gewähren.

Das Ufer säumen hölzerne Residenzen, sogenannte Yalis, in denen einst allerlei Paschas und hochgestellte Persönlichkeiten des Osmanischen Reiches lebten, die aber nun andere Besitzer haben. Seitdem die Schiffe nur noch mit Lotsen unterwegs sein dürfen und nicht mehr in die Wohnzimmer der Istanbuler High Society fahren, wie sie es früher regelmäßig taten, ist es wieder en vogue sich eine Villa am Wasser zu leisten. Dem normalen Istanbuler wurde dadurch jedoch das gern wahrgenommene, weil gemeinschaftsstiftende Vergnügen genommen, eine solche Kollision essend und schwatzend am Ufer zu verfolgen, wie selbst der Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk in seinem Buch über seine Heimatstadt bedauert. Da das heute der Tag der Geschichten zu werden scheint, wollen wir uns noch auf die Spur des Luftfahrtpioniers Ahmet Celebis begeben, der im 17. Jahrhundert von der Spitze des Galataturms über den Bosporus bis hinüber nach Asien geflogen sein soll.

Vom Schiffsanleger an der Galatabrücke gehen wir eine steile Straße hinauf zum Turm. Links und rechts sind Musikgeschäfte, Souvenirshops, kleine Cafés, Eisstände und Läden mit alternativer Kleidung. Die Ladenbesitzer stehen meist vor ihren Geschäften, aber nur wenige sprechen uns an. Es herrscht eine entspanntere Atmosphäre als im Großen Basar, in dem wir ständig ein freundliches Nein-wir-wollen-nichts-kaufen-sondern-nur-schauen-Gesicht aufsetzen mussten. Die Menschenschlange vor dem Turm umrundet ihn zum Glück nicht ganz, dennoch stellen wir uns auf längeres Warten ein. Silke schießt Fotos von den Schwalben, die zwischen den Steinen ihre Nester haben und auf der Jagd nach den letzten Insekten des Tages den Turm aufgeregt schreiend umrunden. In den umliegenden Cafés, auf Bänken, Stufen und Denktafeln sitzend hat sich die Jugend Istanbuls versammelt.

Nach einer Stunde erreichen wir den Rundgang in 66 Metern Höhe gerade noch rechtzeitig, um die Silhouette der Stadt im letzten Tageslicht zu sehen. An der Fassade eines Hochhauses hängt ein „überlebensgroßes“ Porträt des Präsidenten. In wenigen Wochen sind Parlamentswahlen. Es ist Wahlkampf. Auf dem einen Meter breiten Rundgang versuchen wir erst gegen die Masse, dann mit der Masse zu gehen. Beides ist unmöglich. Wir stecken fest, aber an der richtigen Stelle, nämlich dort, wo die Sonne in wenigen Minuten untergehen wird. Unter uns segeln Möwen. Für sie ist es ein Leichtes, hinüber nach Asien zu fliegen, geht es mir durch den Kopf. Ob Ahmet Celebis damals das gleiche gedacht hat? Plötzlich heben sich über den Großstadtlärm die Rufe der Muezzins zum Maghrib, dem Abendgebet, und schwellen an zu einem tosenden Durcheinander, wie ein Orchester ohne Dirigent, um ihn schließlich doch zu finden, den einen Klang Istanbuls. Wir bleiben noch lange bis nach Sonnenuntergang und schauen auf die Lichter des Finanzzentrums, der Brücken, der Villen und Gärten auf der asiatischen Seite, der Moscheen, der verkehrsreichen Straßen und des Bosporus. Das Leben pulsiert in dieser Stadt und legt sich niemals zur Ruhe.

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