Ein Spaziergang durch Istanbul: Erster Tag

Istanbul2Unser Hotel liegt in der Altstadt, die tagsüber voller Touristen, nachts hingegen ruhig sein soll. Außer den umherstreunenden Hunden hält sich auch jeder weitestgehend an die von meinem Reiseführer vorhergesagte Nachtruhe. Mit der ersten Dämmerung weckt mich der ferne Ruf des Muezzins zum Fajr, dem Morgengebet.

An unserem ersten Tag wollen wir das alte Istanbul erkunden. Die Stadt besteht aus drei Teilen, die erst im Laufe der Jahrtausende zusammengewachsen sind. Der europäische Teil ist durch den Bosporus vom asiatischen abgetrennt, und ist selbst noch einmal durch eine langgestreckte Bucht zweigeteilt. Dabei umfasst der südliche Teil die Altstadt, das einstige Konstantinopel, und der nördliche das neuere Istanbul. Dieser Seitenarm des Bosporus hat die Form eines Horns, weshalb er auch das „Goldene Horn“ genannt wird. Erst wenn man mit der Straßenbahn über die Stadtmauern des alten Konstantinopels hinausfährt, erkennt man, wie weit sich der europäische Stadtteil noch nach Westen zieht und das Goldene Horn nicht mehr als ein Hörnchen ist.

Wir gehen zu Fuß vom Hotel zum Gülhane Park, der vor den Mauern des Topkapi Sarayi, dem alten Sultanspalast, liegt. Das Sonnenlicht verfängt sich in den hohen Baumkronen und zerstreut sich auf dem Weg zum Boden. Von oben pfeifen Papageien, die man jedoch nicht zu Gesicht bekommt. Auf den Rasenflächen hüpfen Elstern und Nebelkrähen aufgeregt umher und verstecken Brotreste in Erdlöchern. Wir haben aber gut gefrühstückt und zeigen kein Interesse. Im Schatten der Bäume haben sich kleinere Frauengruppen niedergelassen, viele von ihnen tragen Kopftücher. Kinder rennen zwischen ihnen hin und her, umkreisen sie laut schreiend. Am Parkausgang steht ein Esskastanienverkäufer hinter seinem kleinen rot-weiß gestreiften Wagen und wartet auf die ersten Kunden des Tages.

Westlich des Parks gehen wir eine kleine, steile, mit Kopfsteinen gepflasterte Gasse hinauf zur Hagia Sophia, vor der sich bereits eine lange Besucherschlange gebildet hat. Froh, uns nicht anstellen zu müssen, schlendern wir hinüber zur Blauen Moschee, die eigentlich Sultan Ahmet Camii heißt und ihren Beinamen den blauen Dekormalereien an ihren Wänden zu verdanken hat. Unterwegs fotografiere ich Lampen mit und ohne Halbmond sowie eine kleine Frau mit einem rosa Kopftuch vor der Hagia Sophia. Dass ich dabei einen kleinen Touristenstau verursache, bekomme ich erst mit, als Silke mich darauf aufmerksam macht. Doch als Tourist ist man es gewohnt, gestaut zu werden. Nur wenige Meter weiter, am nördlichen Eingangstor zum Vorhof der Moschee erleiden wir das gleiche Schicksal. Den Hof umgibt ein Säulengang. Auf den 26 Granitsäulen ruhen 30 wunderschöne kleine Kuppeln, die mit orientalischen Malereien ausgestaltet sind.

Hinter der Blauen Moschee erstreckt sich ein Gewirr von vielen kleinen Gassen bis hinunter zur Stadtmauer, die wir noch besichtigen wollen, bevor wir uns eine kleine Pause gönnen. Unsere erfolglose Suche nach der Stadtmauer endet in einem Lokal mit „Sea View“. Von der Terrasse beobachten wir die ins Marmarameer hinausfahrenden Schiffe. Hellblauer Mittagsdunst verwischt die Grenzen zwischen Küste, Himmel und Meer. Nur schemenhaft heben sich die grau schimmernden Containerschiffe vor diesem Hintergrund ab. Etwas farbige Ablenkung bietet ein kleiner Papagei, der den Ausblick kopfüber, an einem Blumenkasten hängend zu genießen scheint.

Uns treibt es weiter zum nächsten Ausblick. Von den Mauern der Süleyman-Moschee soll man einen weiten Blick auf das Goldene Horn und den Bosporus haben. Dafür müssen wir jedoch zunächst wieder in das Gewirr der Altstadt abtauchen. Wir verlieren uns in den halbdunklen, überdachten Gassen des Großen Basars und nehmen schließlich irgendeinen Ausgang, denn die Straßennamen auf den Schildern sagen uns alle nichts. Plötzlich stehen wir vor einem mächtigen, hohen Tor. Hinter dem Tor führt ein breiter Weg, flankiert von einem Park, auf eine moderne Skulpturengruppe zu. Zwei Männer und eine Frau schwingen drohend Werkzeuge in ihren Händen. Ihre vorwärts stürmenden Körper, ihre kantigen Gesichter und ihr starr nach vorn gerichteter Blick drücken Unzufriedenheit, Aufbruch und Zuversicht in einem aus. Die Bildsprache erinnert mich unwillkürlich an die Skulpturen und Gemälde von Arbeitern und Bauern, die mir noch aus meiner Kindheit vertraut sind.

Es sind vor allem junge Menschen, die durch das Tor strömen. Sie dürfen jedoch erst passieren, wenn sie eine kleine blaue Karte vorzeigen. Wir sind uns sicher, dass wir vor der Universität stehen. Von da aus ist es nicht mehr weit bis zur Moschee. Als wir das Gelände umrunden, stimmt der Muezzin das Asr, das Nachmittagsgebet, an. Die Gebetszeiten richten sich nach dem Sonnenstand. Das Asr wird erst dann angestimmt, wenn die Schatten eines Objekts länger sind als das Objekt selbst. Silke macht ein Foto von unseren Schatten. Sie sind länger als wir.

Bald darauf erblicken wir die Kuppeln und Minarette der Süleyman-Moschee. Durch den Vorhof gelangen wir auf einen begrünten Vorplatz. Vor uns liegen übergossen vom weichen, warmen Licht der Nachmittagssonne das alte, das neue und das asiatische Istanbul, getrennt durch die breiten blauen Wasserstraßen des Bosporus und des Goldenen Horns, zusammengehalten durch viele Brücken, über die zäh der Feierabendverkehr fließt.

Unsere hungrigen Mägen drängen uns zum Weitergehen. Glücklicherweise führt eine Straße beinahe direkt hinunter zur Galatabrücke, die den Eingang zum Goldenen Horn überspannt. Von den Schiffsanlegestellen treibt uns eine Geruchswolke von gebratenem Fisch entgegen. Viel mehr Überzeugung bedarf es nicht, um den Abend in einem Fischlokal an der Seite der Brücke ausklingen zu lassen. Tausende von Möwen umfliegen, begierig auf Fischreste, die schwimmenden Bratstationen, bis sich die Sonne endgültig hinter der Atatürk-Brücke schlafen legt.

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