Viele Wege führen nach Istanbul

Istanbul1In meiner Wohnung hängt ein Bild von Rom im Jahr 312 nach Christus. Es zeigt Konstantin, wie er, soeben siegreich von der Schlacht an der Milvischen Brücke heimgekehrt, die Treppen des Jupitertempels betritt. Vor dem Eingang warten die einflussreichsten Senatoren der Stadt, um den zukünftigen Kaiser des Weströmischen Reiches zu empfangen.

Kurz danach verließ Kaiser Konstantin die ewige Stadt, um eine zweite, ebenfalls ewige Stadt viel weiter östlich zu gründen, die seine zukünftige Machtbasis werden sollte. Strategisch günstig an einem natürlichen Meeresarm gelegen, der das Marmarameer mit dem Schwarzen Meer verband, machte Konstantin die alte griechische Stadt Byzantion zu seiner neuen Hauptstadt im Osten des Reiches. Der Kaiser scherte sich jedoch nicht um den Namen der Stadt, die bereits seit 1000 Jahren existierte, und gab ihr stattdessen einen neuen. Sie sollte für die nächsten 1600 Jahre „Konstantinopel“, „die Stadt Konstantins“, heißen.

Wir nähern uns Istanbul, wie die Stadt erst seit 1930 offiziell genannt wird, der Stadt zwischen zwei Meeren, zwei Kontinenten, zwei Kulturen und zwei Religionen, aus der Luft. Ein Weg, den weder Konstantin noch Sultan Mehmet II. Fatih, die zwei großen Eroberer der Metropole am Bosporus, genommen haben können. Es ist bereits Dunkel. Ich tippe die ersten Zeilen für diesen Beitrag. Silke, deren Idee es war, hierher zu kommen, sitzt am Fenster und schreibt ebenfalls. Ab und zu schauen wir hinaus auf die Lichter, die zunächst als schmaler Faden erscheinen, der sich an der Küste des Marmarameeres entlangzieht. Schnell verknüpft sich dieser einzelne mit weiteren Lichtfäden zu einem welligen, leuchtenden Teppich. Ich denke darüber nach, wie seltsam es ist, dass dieses Poster, welches ich damals, in der festen Absicht bald nach Rom zu reisen, geholt hatte, nun den Auftakt meiner Istanbulreise bildet. Und wie seltsam es ist, wieder zu zweit zu reisen, nach vielen Jahren des Alleinreisens. Aber diese Stadt, so sagt mir mein Flugnachbar, sei „Awesome!“ Das ist sicherlich ein guter Grund, um sie in Stereo zu erleben.*

Kurz nach der Landung stehen wir in der langen Menschenschlange der Passabfertigung des Atatürk Flughafens und zählen die Minuten, die uns noch bleiben, um die letzte Bahn in die Stadt zu bekommen. Nach einer Stunde sitzen wir in eben dieser. An den Fenstern ziehen Leuchtreklamen, Modeläden, Imbisse, hochgelegte Straßentrassen und viel Beton vorbei. Noch ist nichts zu sehen, was diese Stadt von anderen unterscheidet.

In Sirkeci steigen wir aus der Tram. Dort, wo einst die Passagiere des Orient-Express ihren heutzutage naiv anmutenden Traum vom Orient in Erfüllung gingen ließen. Man riecht die Nähe des Meeres. Die Luft ist frisch und salzig, durchsetzt mit Fischgeruch. Morgen wartet Istanbul auf uns.

* Echt Stereo gibt es übrigens nur für den, der auch hier liest …

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