Sayōnara!

UenoSeit meiner letzten Reise wusste ich bereits, dass mich auf der ersten Teilstrecke nach Tokio, von Fukuoka bis Ōsaka, fast nur Tunnel erwarten würden. Eigentlich handelt es sich um einen einzigen, hunderte Kilometer langen Tunnel. Drei Stunden währende Dunkelheit. Die Landschaft sieht man nur für Sekundenbruchteile am Fenster vorüber hetzen. Auch im Abteil bot sich mir der ständig gleiche Anblick: Menschen in schwarzen Anzügen, weißen Hemden, grauen Socken und schwarzen Schuhen. An jeder Station wurden die Menschen in den Anzügen einmal ausgetauscht. Ich nahm Meine Reisen mit Herodot von Ryszard Kapuściński zur Hand und las:

Eine Reise beginnt nicht in dem Moment, da wir uns auf dem Weg machen, und sie endet nicht, wenn wir ans Ziel gelangt sind. In Wahrheit beginnt sie viel früher, und sie ist faktisch nie zu Ende, weil sich das Band unserer Erinnerung in unserem Inneren weiterdreht, auch wenn wir längst angekommen sind. Es gibt so etwas wie eine Infizierung mit dem Reisebazillus, und das ist eine im Grunde unheilbare Krankheit.

Eigentlich ist das doch ein geeignetes Schlusswort, dachte ich zunächst. Aber würde ich dem Zitat gerecht, wenn ich es als Schlusswort verwende? Ist meine Reise durch Japan denn beendet, wenn ich in das Flugzeug nach Deutschland steige?

Nein, denn natürlich endet dieses Land nicht jenseits des 124igsten Grades östlicher Länge. Kulturen sind heutzutage weniger an einen Ort gebunden als früher, zumal wenn sie wie die japanische über die technischen Mittel verfügt, sich in der Welt zu verbreiten. Das Land oder vielmehr seine Kultur kann man auch bereisen, wenn man in Deutschland bleibt.

Aber dabei handelt sich um einen vermittelten Eindruck, dessen Wirkkraft nicht die gleiche sein kann, als wenn man ihn unmittelbar in sich aufnimmt. Sicher, es bleiben die Erinnerungen. Aber auch diese werden bald durch die eingeübten Vorstellungen, Bilder und Denkkategorien der eigenen Kultur überlagert und erscheinen uns dann in idealisierter Form. Der Ort und seine Kultur sind demnach doch irgendwie miteinander verbunden. Aber selbst, wenn ich mich über Jahre in diesem Land aufhalte, werde ich es nie ganz verstehen. Und das vor allem, weil ich die Sprache, die der eigentliche Schlüssel zu jeder Kultur ist, nicht mal im Ansatz bis zu dem Grad beherrschen werde, der das Schloss öffnen könnte. Auch dann nicht, wenn ich mir das Erlernen der Sprache zur Lebensaufgabe machen würde. Das ist einerseits schade und wird mich allerdings nicht davon abhalten, hierher zurückzukommen, andererseits ist es eine beruhigende Vorstellung, denn so bleibt noch Zeit, weitere Orte und Kulturen der Welt kennenzulernen, sei es durch das Lesen und Hören von Berichten anderer, unheilbar mit dem Reisebazillus Infizierter oder durch eigenes Erleben.

Den letzten Tag in Tokio verbrachte ich im Ueno-Park, der mir mittlerweile sehr vertraut war. Seit dem Besuch vor zwei Wochen hatte er sogar noch etwas an Farbe hinzugewonnen. Damit meine ich nicht nur die vielen Regenschirme, die in der Tat aufgrund des einsetzenden Regens das Bild des Parks bestimmten, sondern auch die ausgeprägte Laubfärbung. Vom Dach des Kiyomizu-Tempels ergoss sich unterdessen ein immer breiter werdender Wasserschwall auf den terrassenförmigen Umlauf. Die Menschen strömten in die Cafés. Auch ich fühlte mich zunehmend unwohler. Feuchtigkeit drang in meine Jacke. Da ich mich nicht in die Caféschlangen einreihen mochte, sondern den Drang nach sofortiger Wärme und Trockenheit verspürte, begab ich mich noch einmal in das nebenan liegende Nationalmuseum. Mich reizte die Idee, zum Abschied die Landschaften, die ich in natura gesehen hatte, mit denen auf den Farbholzschnitten verschiedener Japanischer Meister zu vergleichen. Ich ging die weite, ausladende Steintreppe hinauf in die zweite Etage und betrat den Saal, in dem die Holzschnitte hingen. Beim Anblick der Hundert Ansichten von Edo merkte ich, wie mich die mit einfachen Strichen und wenigen Farben gezeichneten Landschaften sofort in ihren Bann schlugen, so unglaublich schön wurden deren Stimmungen von Hiroshige eingefangen. Ja, ich ertappte mich sogar dabei, dass ich sie noch um ein Vielfaches schöner als die Originale fand. Wie gut, dass ich sie mir erst zum Ende meiner Reise genauer anschaute.

Als ich das Museum verließ, hatte der Regen nachgelassen. Schwach fielen die Sonnenstrahlen durch die dichte, noch mit Feuchtigkeit vollgesogene Luft und erzeugten ein diffuses, milchiges Licht. Die Menschen strömten aus den Cafés auf die Wege und Freiflächen des Parks, fotografierten das tiefrote und kanariengelbe Herbstlaub, versammelten sich schwatzend und staunend um die Koi-Bassins auf dem hiesigen Karpfenmarkt und besuchten den nun ganz ohne Wasserspiele wieder seine eigentliche Funktion erfüllenden Tempel, um vor dem Abendessen den Göttern noch einen lang gehegten Wunsch mitzuteilen. Ich nutzte die frei werdenden Plätze in den Cafés, um mich von der nun tief stehenden Abendsonne bei einem Stück Käsekuchen bescheinen zu lassen.

Der Abend verging, wie üblich, mit einer Tasse Grünem Tee. Eine schnelle Angelegenheit, wenn man weiß, welche Tasten …, aber das hatten wir ja bereits. Es war der letzte in Japan.

Am nächsten Morgen schien die Sonne vom wolkenlosen Himmel. Es wäre ein guter Tag gewesen, um den Fuji zu besuchen, dachte ich mir. Die sonst von Passanten überfüllten Passagen des Tokioter Hauptbahnhofs waren in diesen Sonntagmorgenstunden beinahe menschenleer. Nur die, die man sonst nicht sieht, die als Schatten untergehen, in dieser bunten, lauten und geschäftigen Multimillionenstadt, die Obdachlosen wärmten sich in den Gängen. Da fiel mir die kleine Straße wieder ein, in der mir meine Bekannte aus Tokio am ersten Tag die barackenähnlichen Unterkünfte der Menschen gezeigt hatte, die sich in die Mehrheitsgesellschaft nicht integrieren wollen oder können. Sie erzählte mir, dass es nicht mehr viele von diesen illegal gebauten Hütten gibt. Die Stadt versucht sie u.a. mit dem Bau von Parkplätzen aus dem Stadtbild zu entfernen. Die wenigen, die übrig geblieben sind und geduldet werden, sind nun offenbar eine Touristenattraktion.

Bald darauf saß ich im roten Kranich von Japan Airlines und schaute nach draußen auf die Rollbahn, wo sich das Bodenpersonal in einer Reihe aufstellte, sich verbeugte und unserem Flugzeug nachwinkte. Ein zutiefst sympathisches Land dachte ich unwillkürlich, die Obdachlosen vom Morgen, die so gar nicht in mein Japanbild zu passen schienen, bereits wieder vergessend. Dann breitete der Kranich seine weiten Flügel aus und hob ab. Sayōnara Nippon!

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