Yakushima

YakushimaBei strahlendem Sonnenschein betrat ich die Fähre, die in Kagoshima vor Anker lag. Auf der anderen Seite der Kinko-Bucht erhob sich dunkel der Vulkan Sakurajima. Über seinem südlichsten Gipfel, dem Minami-dake, hing bedrohlich eine Rauchfahne. Mein Ziel, die Pazifikinsel Yakushima verfügt zwar über 32 Vulkane, doch die sind alle erloschen. Das Meer hatte eine tiefblaue, beinahe schwarze Färbung. Zur Ausfahrt ertönten hawaiianische Klänge. Aloha ‚Oe!

Wir fuhren an mehreren kleinen Inseln vorbei, von denen einige nur aus einem einzigen, rauchenden Vulkan bestanden. Man hätte meinen können, unsere Fähre wäre Teil einer Dampferflotte mitten auf dem Pazifik. Ab etwa der Hälfte der Strecke erhielten wir einen weiteren Geleitschutz. Drei Weißbauchtölpel setzten sich vor den Bug und ließen sich vom Wind treiben. Ab und an schossen sie in die Wellen, doch sie verfehlten dabei jedesmal ihre Beute. Mit kraftvollen Flügelschlägen hatten sie uns bald wieder eingeholt.

Die kleine Insel Yakushima ist vor allem dafür berüchtigt, einer der nassesten Plätze auf der Erde zu sein. Wie die Tiere der Savanne, die sich dürstend um ein kleines Wasserloch sammeln, kommen alle Wolken über Yakushima zusammen, um dort allerdings kein Wasser aufzunehmen, sondern die auf ihrer weiten Reise über den Pazifik gespeicherte Feuchtigkeit wieder abzugeben. Daher konnte man die Insel an diesem klaren Tag bereits am Horizont ausmachen. Da, wo sich die Wolken am dichtesten sammelten, musste sie sein. Bald darauf traten die hohen Berge aus dem blauen Dunst hervor, ihre Gipfel in dunkle Wolken getaucht. Wie ein halbdurchsichtiger Vorhang legten sich die letzten Sonnenstrahlen vor die Hafeneinfahrt. Doch ich hatte Glück und der Reiseführer hielt nicht, was er versprach. Es waren beinahe tropische Temperaturen und die Sonne vertrieb die meisten Wolken recht schnell. Aber ich war nicht nach Yakushima gekommen, um am Strand zu liegen, sondern um in den Bergwäldern zu wandern und Yakusugi, uralte bis zu 3000-7000 Jahre alte Sicheltannen, zu sehen. Die Gelehrten sind sich bezüglich des wahren Alters der Bäume noch uneins.

Um zu den Tannen zu gelangen, musste man etwa eine halbe Stunde mit dem Bus über steile Bergstraßen fahren. Je höher man kam, umso kühler wurde es und umso stärker stieg der Nebel aus den Wäldern empor. An den Bäumen hingen lange Flechten, die nur einen flüchtigen Eindruck von der Wildnis gaben, die mich noch erwarten sollte. Die ersten Meter der Wanderwege waren meist mit Holzbohlen unterlegt, so dass man mit einem entspannten Spaziergang rechnete. Doch bald schon war der Boden durch ein Gewirr von Wurzeln bedeckt. Wie tausende Schlangenleiber wanden sie sich über den Waldboden und erschwerten das Fortkommen erheblich, denn man fand auf ihrem glatten Holz kaum Halt. Die Bäume, zu denen diese Wurzeln gehörten, standen keineswegs gerade am Wegesrand. Sie klammerten sich an Felsen, wuchsen zwei-, drei-, ja sogar vierfach übereinander in alle Himmelsrichtungen. Bei einigen war man nicht mehr in der Lage zu bestimmen, wo die Äste begannen und die Wurzeln endeten. Vor allem die Yakusugi-Wurzeln brachten es fertig, dass man unter ihnen hindurchgehen musste. Immer noch besser, als über sie hinwegzufallen dachte ich mir und stieß mir den Kopf. Ihre Spitzen blieben für den Erdbewohner unsichtbar und verschwanden zwischen den Blättern der anderen Bäume. Es war dunkel dort unten am Waldboden, dunkelgrün. Ein dichter Moosteppich überzog die nackten Wurzeln und Äste, die weiche, blättrige Rinde der Sicheltannen und die grausilbrigen Steine. Nur manchmal, wenn es einige Sonnenstrahlen schafften, durch diesen Urwald zu dringen, färbte sich alles smaragdgrün. Ich kam kaum voran. Immer wieder blieb ich stehen und blickte mich um, staunte und lauschte. Überall plätscherte und tropfte das Wasser, Vögel fiepten, kreischten und zirpten in den Baumkronen, Sika-Hirsche zogen durch das Unterholz und schauten dem Wanderer ohne Scheu hinterher.

Meine Zeit des Wanderns in den Wäldern war allerdings begrenzt. Es wird um diese Jahreszeit auch hier früh dunkel. An der Haltestelle warteten schon einige müde Wanderer auf den letzten Bus. Nachdem ich mich zu ihnen setzte, begannen sich alle Japaner um mich herum zu dehnen, ihre Arme und Beine auszuschütteln und sich auszulaufen. Beinahe so, als hätten sie keine Bergwanderung, sondern einen Langstreckenlauf hinter sich gebracht. Mir wurde klar, dass sie Wandern offenbar als Sport begriffen und nicht so sehr die Betrachtung der Natur in den Vordergrund stellten. Aus diesem Grund geht wohl nur ein Europäer in den Wald.

Am Abend habe ich es mir zur Gewohnheit werden lassen, Grünen Tee mit Hilfe eines Teewärmers zuzubereiten. Der lässt sich allerdings ohne Japanischkenntnisse nicht so leicht bedienen. Ich benötigte zu Beginn jedenfalls eine Weile, um herauszufinden, welche Tasten ich in welcher Kombination drücken musste, damit das heiße Wasser auch in die Kanne floss. Während im Fernsehen die ersten Eisschollen auf dem Ochotskischen Meer vor Hokkaido gezeigt wurden, saß ich im T-Shirt am Rechner und hörte die Zikaden im Regenwald zirpen. So groß ist Japan.

Am nächsten Morgen stand ich auf dem Deck der Fähre nach Kagoshima und erlebte das gleiche Schauspiel wie bei der Ankunft. Die Insel hüllte sich in Regenwolken, durch deren Lücken ab und an Sonnenstrahlen stießen, um die Farben Yakushimas zum Leuchten zu bringen: das Indigoblau des Meeres und das dunkle, satte Grün der Bergwälder. Von nun an ging es immer nach Norden bis nach Tokio. Vor mir lag das Japanische Festland mit seinen großen Städten, eine ganz eigene Wildnis für einen Mitteleuropäer. Aber mit ihren Lichtern, Menschenschlangen, labyrinthisch verzweigten Bahnstationen und unüberhörbar lauten Kaufhausdurchsagen ebenso faszinierend wie die Natur Yakushimas.

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