Von Ampeln, spuckenden Vulkanen und rohem Fisch

AsoKumamoto ist eine Stadt der Ampeln, der roten Ampeln, muss ich hinzufügen. Weder in der Tram noch zu Fuß bin ich je an eine Kreuzung gekommen, an der ich nicht hätte warten müssen. Und man wartet sehr lange an Kumamotos Ampeln. Verglichen mit der Zeit, in denen die Erdkräfte die bizarre Vulkanlandschaft Kyushus geformt haben und jeden Tag formen, ist so ein Ampelstopp jedoch recht kurzweilig.

Es war tatsächlich merklich wärmer in Kumamoto als auf dem Koya-San. Wie unpassend also, dass ich der Wärme wieder entfliehen sollte und mich in den zwei Tagen meines Aufenthalts vor allem in einer Höhe von über 1000 Metern zu bewegen gedachte. Auf dieser Höhe liegt der Aso-Nationalpark, der nur aus einem einzigen aber riesigen Vulkankrater besteht. Genauer gesagt ist der Aso mal ein Vulkan gewesen, der nach seinem Ausbruch vor zehntausenden von Jahren wie ein Soufflé in sich zusammengefallen ist. Übrig geblieben ist nur die Caldera, Teile des ehemaligen Vulkanrandes. Mit ihrer Ausdehnung von 23 x 16 km zählt sie zu den größten der Erde. Innerhalb der Caldera wird heute Landwirtschaft betrieben.

Seit vielen Jahrhunderten herrscht der Aso-Clan über dieses kleine Land. Ihr Geschlecht ist beinahe so alt, wie das der Kaiserfamilie. Man sagt, sie haben sich nur so lange halten können, da sie einen besonders gutes Verhältnis zu den Göttern hätten. In einem Land, in dem die Naturgewalten stets als göttlich betrachtet wurden, ist es kein Wunder, dass der Clan, der ein von diesen heute noch bestelltes Land verwaltet, ein besonderes Ansehen genießt. Damit die Kommunikation zwischen Menschen und Göttern nicht abreißt, gibt es jede Menge Schreine. Vor allem in unmittelbarer Nähe des Nakadake-Kraters, wo man den Atem der Götter noch spüren kann. (siehe Bild)

Der Nakadake ist der einzige aktive Vulkan innerhalb der Caldera. Etwa alle zwei bis fünf Jahre bricht er aus. Einen Ausbruch durfte ich nicht erleben, dafür aber eine Eruption der zweiten Stufe, die eine Besteigung des Kraterrandes allerdings unmöglich werden ließ. Es hätte unterwegs Schutzbunker gegeben, um sich vor den Vulkanauswürfen zu schützen, doch gegen die giftigen Dämpfe helfen auch diese nicht. Ich dachte an die Italienische Reise von Goethe. Dessen Bericht über die Besteigung des Vesuvs wir wohl niemals hätten lesen können, wenn es damals schon solche Messgeräte wie heute gegeben hätte. Denn der Vesuv war zu dieser Zeit ebenfalls sehr aktiv und Goethe berichtete über einige Lavabomben, vor denen er in Deckung gehen musste. Giftige Dämpfe hingegen führten 1786 offenbar zu keiner weiträumigen Absperrung des Vulkans wie heutzutage. Schade, denn einen kleinen Blick in den Lava spuckenden Krater hätte ich euch schon gegönnt.

Bereits die Anfahrt zum Nationalpark war beeindruckend. Kurz hinter Kumamoto erhebt sich die Caldera des Aso wie ein normales Gebirge aus der Ebene. Erst wenn man sich im Innern des ehemaligen Vulkans befindet, erkennt man, dass es sich nicht um ein gewöhnliches Gebirge, sondern um einen beinahe geschlossenen Gebirgskreis handelt. Nur an der Westseite gibt es einen kleinen Durchbruch. Hier hat die Erosion über Jahrhunderte hinweg einen natürlichen Zugang geschaffen, der heutzutage die Anreise erleichtert und der japanischen Bahngesellschaft die Kosten für einen Tunnel erspart.

Obwohl sonst ein Ausflugsgebiet ersten Ranges, gab es nur wenige Touristen, die den Vulkan bei bestem Wetter besuchen wollten. Möglicherweise weilten alle in Kyoto, um Bäume zu fotografieren. Jedenfalls ergab es sich, dass ich der einzige Fahrgast war, der im Bus hinauf zum Nakadake saß. Beim Aussteigen rief mir der Busfahrer noch ein „Auf Wiedersehen“ hinterher. Ich hatte ihm während der Fahrt auf Japanisch erklärt hatte, woher ich kam. Das ist nicht besonders schwer und man benötigt dafür auch nur einen kurzen Satz, dennoch war ich ein ganz klein wenig stolz darauf, dass er mich offenbar verstanden hatte.
Nachdem ich nun nicht auf den einen Vulkankegel durfte, bestieg ich stattdessen zwei andere, tauschte unterwegs einige Konnichi-wa’s (Hallos) mit den wenigen Wanderern aus, die mir begegneten, und genoss die Aussicht auf die im Dunst liegende Caldera sowie den unablässig weißen und grauen Dampf ausstoßenden Nakadake.

Zurück in Kumamoto gönnte ich mir noch rohen Fisch. Betritt man ein Restaurant oder einen Laden, ist es üblich, dass man als Gast mit einem „Irasshaimase“ begrüßt wird. Man gewöhnt sich daran. In Sushi-Bars zucke ich jedoch immer noch unweigerlich zusammen, wenn alle Sushi-Meister zugleich ein IRASSHAIMASE hinausbrüllen. Überhaupt geht es dort sehr laut und fröhlich zu. Zu den Aufgaben eines Sushi-Meisters gehört es offenbar nicht nur Fische zu filetieren, sondern auch die Gäste zu unterhalten. Das ist sogar unterhaltsam, wenn man kein Wort versteht. Allzu lange durfte ich mich jedoch dem lebendigen Treiben nicht hingeben. Mein Zug nach Kagoshima, von wo aus ich die Fähre nach Yakushima, meinem südlichsten Reiseziel, nehmen wollte, ging bereits um 6:00 Uhr morgens. Und es gab jede Menge Ampeln zwischen dem Platz am Sushi-Tresen und meinem Hotelbett.

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