Bei den Mönchen vom Koya-San

Koya-SanAb Hashimoto wurden es immer weniger Fahrgäste. Vorbei an dichten Bambuswäldern und Bergdörfern ging es hinauf zum Koya-San. Auf diesem Hochplateau inmitten der von unzugänglichen Bergwäldern durchzogenen Halbinsel Kii gründete der Mönch Kukai einen Tempel, in dem er seine Lehre des Buddhismus weiterzugeben gedachte. Das geschah vor 1200 Jahren.

In der Zwischenzeit sind aus dem einen mehrere hundert Tempel und ein Unesco Weltkulturerbe geworden. Für das Überleben dieses riesigen Klosterareals sorgen neben Spenden seit einiger Zeit auch Touristen, die, ebenso wie ich, einige Nächte die Gastfreundschaft der Mönche in Anspruch nehmen dürfen.

In meinem Abteil des Nankai Express, der mich von Ōsaka nach Koya-San bringen sollte, wurde es immer kälter. Der Zug ächzte und stöhnte sich den Berg hinauf und ich fragte mich, ob ich meine Zeit dort oben mit den Mönchen allein verbringen werde. So entlegen und einsam kam mir die Landschaft vor, durch die ich fuhr. Verstärkt wurde das Gefühl durch die Geräusche des Zuges, dessen Rattern und Quietschen sich zwischen den immer dichter werdenden Urwäldern zu verlieren schien. Die Dunkelheit des Waldes verschluckte jedes Licht, so dass man kaum weiter als bis zum übernächsten Baum sehen konnte. An den Gleisen entlang standen kleine Mönchsstatuen, die mir aber aufgrund ihrer durch den Regen ausgewaschenen Gesichter und ihres weißen Kalksteins wie Waldgeister vorkamen. Jede von ihnen trug einen Beutel vor dem Leib, der des öfteren, Dank der vielen Pilger, gut gefüllt war.

Meine Annahme jedoch, nun alles Weltliche hinter mir gelassen zu haben, entpuppte sich recht bald als Täuschung. Auf dem Berg hatte sich um die Tempel eine kleine Stadt gegründet, in der es Kindergärten, Schulen, ein Krankenhaus, einen 24 Stunden-Supermarkt, Apotheken, Restaurants, usw. gab.

In dem Tempel Hōon-in, der mir für zwei Nächte Unterkunft gewähren sollte, führte mich ein Novize gleich nach meiner Ankunft zum Abendessen in einen separaten Raum. Zu Beginn hatte ich noch Schwierigkeiten, die Reihenfolge der entsprechenden Fußbekleidung einzuhalten und wurde bei jedem Vergehen freundlich auf die japanische Sitte des Schuhe-Wechselns aufmerksam gemacht. Je nach Aufenthaltsraum trägt man nämlich entweder Slipper, Badelatschen oder Socken. In dem Raum, in dem mir das Essen traditionell auf kleinen, leicht erhöhten Tabletts serviert wurde, waren auf der rechten Schiebewand acht Kraniche im Schilf abgebildet. Sechs von ihnen schliefen, aber zwei schauten gierig auf mein Essen. An dieser Stelle muss ich zugeben, dass ich mich zunächst über das Vorhandensein eines Supermarktes gefreut und beabsichtigt hatte, die strengen Vorschriften, die den Mönchen hinsichtlich der Mahlzeiten gemacht werden, gleich an meinem ersten Abend zu brechen. Von einer buddhistischen (= veganen) Mönchsspeise erwartete ich nämlich nicht mehr als eine Schüssel voller Reis. Statt einer vollen Schüssel gab es jedoch einen ganzen Topf voll, zudem Tofu, Ingwer, gedämpftes Gemüse, süß eingelegte Bohnen, frittierte Kartoffeln, einen Algen-Gurkensalat mit Wasabi-Dressing und eine Soba-Nudelsuppe mit Pilzen. Das Essen fiel jedenfalls so reichlich aus, dass der Besuch des Supermarktes nicht mehr nötig war. Am nächsten Morgen sollte ich um halb sieben an einer buddhistischen Morgenandacht teilnehmen, so dass ich frühzeitig und einigermaßen aufgeregt zu Bett ging.

Die Temperatur in meinem Zimmer war über Nacht auf acht Grad gefallen und es kostete mich Frühmorgens etwas Überwindung, die wärmende Decke des Tatami-Bettes zurückzuschlagen. Als ich die Stufen zum Gebetsraum emporstieg, konnte ich die monotonen und sonoren Gesänge des Morgengebets bereits hören. Die Luft war kalt und schwer durch den süßlichen Duft der Räucherstäbchen. Zwei Mönche saßen im Altarraum, ein dritter saß links davor. Der Buddha oder der Bodhisattwa, ich konnte es aufgrund des schummrigen Lichtes nicht genau erkennen, ruhte im Zentrum des heiligen Raumes. Ein Bodhisattwa ist ein Mensch (es kann aber auch ein Gott sein), der alle Prüfungen für den Eintritt in das Nirvana bestanden hat, dieses aber aus Mitleid zu den unvollkommenen Gläubigen nicht betritt. Stattdessen versucht er diesen den Weg aus dem Kreislauf der immer währenden Leiden des Lebens zu zeigen.

Allein auf einem Stuhl sitzend und den Rezitativen lauschend, merkte ich, wie fremd mir diese Welt doch ist und immer bleiben wird. Weder verstand ich, in welcher Sprache die Mönche sangen, ich dachte nur, dass es eine alte Sprache sein müsste, noch wusste ich, aus welchem Buch sie welche Texte singend ablasen, wer, warum an bestimmten Stellen eine Pause machte und wann ich mich vor wem verbeugen musste. Ich ließ alles geschehen und es flimmerte an mir vorbei wie ein Dokumentarfilm, ohne dass auch nur im Ansatz auf beiden Seiten Zweifel daran bestünden, dass mir allein die Rolle des Beobachters zugedacht war.

Nach der Andacht und einem reichhaltigen, ebenfalls veganem Frühstück schaute ich mir bis zum Abend weitere Tempel an, bis ich bei einbrechender Dämmerung an eine Brücke kam, hinter der sich ein schmaler Pfad in die Dunkelheit schlängelte. Der Pfad war gesäumt von mindestens 20 Meter hohen, knorrigen Zedern und Steinlaternen, die wie Glühwürmchen den Weg in den Wald wiesen. Erst als sich meine Augen von der hell beleuchteten Straße an die Dunkelheit gewöhnten, nahm ich wahr, dass zwischen den Zedern abertausende, dicht mit Moosen und Flechten überwucherte Gräber lagen.

Es handelte sich um den heiligsten Bezirk des ganzen Berges. Am Ende dieses Weges, so hatte ich gelesen, befindet sich das Mausoleum des Tempelgründers Kukai, der nach seinem Tod den Ehrentitel Kobo-daishi erhielt. Dort wartet er bis heute auf die Wiederkehr Buddhas. Um diesem Ereignis möglichst nah zu sein, hatten sich über die Jahrhunderte hinweg über 200.000 geistliche und weltliche Würdenträger ebenfalls einen Platz zwischen den Zedern gesucht. (Es entzieht sich allerdings meiner Kenntnis, ob der Vorverkauf noch läuft.)

Auf dem Rückweg färbte sich der Himmel über dem Koya-San orange. Doch es war kein warmes Orange, sondern eine blasse, ins Blau gehende Färbung, die die Kälte der Nacht ankündigte. Ich fröstelte und freute mich auf meine nächste Station: Kumamoto, auf Kyushu liegend, der südlichsten der drei großen japanischen Inseln, und der Statistik nach eine der wärmsten Städte Japans. Selten habe ich so gehofft, dass eine Statistik nicht gefälscht sei.

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