Herbstlaub in Kyoto

KyotoIch bin in Kyoto angekommen, ehemalige Kaiserstadt und immer noch religiöses sowie kulturelles Zentrum Japans. In den Wochen der Laubfärbung ist Kyoto aber nur eines: völlig überlaufen.

Um jeden Baum, bei dem sich eine Rot- oder Gelbfärbung nur einigermaßen andeutet, drängen sich mindestens ebensoviele Menschen, wie noch Blätter an ihm sind. Sie strecken ihre Fotoapparate in die Höhe und versuchen, möglichst schnell einen bleibenden Moment des Kyotoer Herbstes 2014 mitzunehmen. Auch ich konnte mich diesem Verhalten nur anschließen, denn es war keine Zeit, in Ruhe ein Motiv zu wählen. Zudem besitzen die Japaner ein gutes Auge bei der Wahl des Bildausschnittes, so dass die besten Plätze immer schon besetzt waren. Vor den Restaurants bildeten sich lange Schlangen und in den engen Gassen hinauf zum Kiyomizu-dera Tempel wurde ich geschoben, wo ich vor einem Jahr im September noch alleine laufen musste.

All das hatte ich ein wenig vorausgeahnt, als ich bereits drei Wochen zuvor weder in Kyoto noch in den unmittelbar benachbarten Millionenstädten Osaka und Kobe ein Hotelzimmer bekam und mich mit einer Unterkunft im etwas weiter entfernten Nagoya begnügen musste.

Allerdings ist mir nun durchaus klar geworden, weshalb die Herbstlaubfärbung nach der Kirschblüte das zweite große Naturereignis in Japan ist. Nach meiner Ankunft im futuristischen Gebäude des Kyotoer Hauptbahnhofs suchte ich zuerst die Touristeninformation auf und bemerkte dort viele Werbeblätter und Plakate, auf denen einige der bekannten Tempel, von Ahornbäumen umgeben, abgebildet waren, deren Blätter in den absurdesten Rot- und Gelbtönen leuchteten. Was für eine amateurhafte Nachbearbeitung der Fotos, dachte ich, bis ich die ersten Bäume im Maruyama Park etwas unterhalb des Kiyomizu-dera sah. Danach dachte ich nichts mehr, sondern staunte nur über den verschwenderischen Umgang der Natur mit ihrer Schönheit.

Nach der Besichtigung einiger Tempel im Stadtteil Arashiyama, hatte ich noch ein wenig Zeit, um am Fluss Oi entlang zu wandern. Die Dunkelheit setzte bereits ein, doch die bunten Farben der Bäume sah man selbst noch in der Dämmerung. Das Tal verengte sich immer mehr, die Ufer wurden felsiger, aber flachten sich zum Wasser hin ab, so dass ich bis zum Fluss hinunter gehen konnte. Um eine Flussbiegung kamen zwei Boote gefahren. Beleuchtet mit Feuerlaternen und beladen mit einigen Ausflüglern, machten sie in der Mitte des Flusses halt. Musik setzte ein.

Wer traditionelle japanische Musik zum ersten Mal hört, ist vielleicht enttäuscht oder erschrocken, wie spröde und unharmonisch sie klingt. Wenn man sich jedoch darauf einlässt, ist die Wirkung immens. Um mich herum wurde es ganz still. Nur die langgezogenen, dann mitunter schrillen und sich überschlagenden Töne der Bambusflöte sowie das Schlagen der Taiko-Trommel waren noch zu hören. Eine Szene, wie sie auch dem Japanbild in meinem Kopf hätte entsprungen sein können, bevor ich das Land bereiste. Sind unsere Bilder und Vorstellungen, die wir uns über ein Land nur durch die Erzählungen anderer machen, also doch gar nicht so weit entfernt von der Realität oder legt sich selbst hier vor Ort über alles Wahrgenommene der Nebel der eigenen Kultur und Denkweise? Mit dieser Frage im Kopf ließ ich die Ausflügler auf ihren Schiffen hinter mir im Dunkeln zurück und machte mich auf den Rückweg nach Nagoya.

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