Regenzeit

Regenzeit_UenoEs ist Regenzeit in Tokio. Die passende Zeit, um Orte aufzusuchen, die aufgrund ihrer Beschaffenheit wasserdicht sind. Einkaufszentren zum Beispiel. Man muss in Tokio nur bis zur nächsten U-Bahn-Station gehen, um sich zu ernähren oder unter Menschen zu kommen. Man muss sich auch keine nassen Füße holen, wenn man von einem Einkaufstempel gelangweilt in den nächsten möchte. Dafür steigt man einfach in eine der vielen U-Bahn-Linien und fährt zur nächsten Station. Die ist nämlich per definitionem auch ein Einkaufszentrum. Wie praktisch!

Man kann aber auch ins Museum gehen. Dafür musste ich mir dann allerdings nasse Füße holen, denn es gibt keine Museumsbahn, die die Museen in Tokio unterirdisch miteinander verbindet. Auch sind Museen per definitionem keine Einkaufszentren. (Nur ganz kleine vielleicht.) Was nicht heißt, dass es in ihnen nicht mitunter genauso lebendig zugeht wie in einem Einkaufszentrum. Im Museum of Science zum Beispiel wuseln uniformierte Schulkinder schon in der Eingangshalle um einen herum. Man kann sich zudem selbst zum Gegenstand von physikalischen Experimente machen lassen: Etwa einen Kleinwagen mit einem Flaschenzug anheben, sich in eine Seifenblase stellen oder elektrisch aufladen lassen. Man sollte es allerdings nacheinander machen. Die lange Schulklassenschlange an der Kasse und der Hinweis, dass alle Erklärungen nur auf Japanisch seien, haben mich jedoch davon abgehalten, mir eine Eintrittskarte zu kaufen. Sobald ich das Japanische etwas besser beherrsche, komme ich bestimmt wieder.

Aber es gibt auch Museen, die des Englischen nicht nur im Namen mächtig sind: wie zum Beispiel das Tokyo National Museum im Ueno Park (Bild). Dort sind in mehreren Häusern außerordentliche Kunstwerke der japanischen Geschichte ausgestellt. Man wandelt in hohen, weiten Räumen vorbei an Keramiken und Bronzeskulpturen aus der Frühzeit, Schwertklingen aus der Hochzeit der japanischen Schwertschmiedekunst, Seidenkimonos, Noh-Masken, die bestimmte menschliche Züge karikierend für das Theaterspiel gefertigt wurden, aber mir unheimlich vorkamen, und Wandschirmen, auf denen etwa eine Falken-Jagd auf Kraniche dargestellt ist. Und es gibt zu jedem Ausstellungsstück eine kurze englische Erklärung. Überrascht war ich, als ich plötzlich vor Porträt- und Landschaftsbildern stand, die aussahen, als ob sie von europäischen Meistern gemalt worden wären. Hatte ich ein Schild übersehen, auf dem eine Sonderausstellung angekündigt gewesen wäre? Man übersieht ja leicht etwas, wenn man nichts lesen kann. Tatsächlich wurden die Bilder jedoch von japanischen Künstlern gemalt, die Ende des 19. Jahrhunderts, als sich das Land radikal modernisierte, nach Frankreich und Deutschland gingen, um die dortigen Maltechniken zu studieren. Wie vertraut doch einem eine mit Ölfarben gemalte Szene vorkommt, wie ein wenig Heimat in der Fremde. Statt eines Fischers auf dem Biwa-See bei Kyoto hätte es auch ein Fischer auf dem Bodensee sein können.

Während ich so in Gedanken durch die Räume der Ausstellung wandle, ist mein rechter Fuß eingeschlafen. Die Hocker in diesem Café der Ikebukuro-U-Bahn-Station (= Einkaufszentrum) sind einfach nicht für über 1,80 m große Menschen gemacht. Auch wenn ich natürlich nicht mit den Füßen schreibe, beende ich dieses Reiseblatt für heute besser.

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