Eine Samurai-Geschichte

47_SamuraiNoch ein wenig vom Jetlag geplagt, führte mich mein erster Ausflug in Tokio an einen Ort, der noch heute als Inbegriff größter Loyalität verehrt wird. Im Sengakuji-Tempel, ein buddhistischer Tempel im Südwesten von Tokio, trug sich vor etwa 300 Jahren Folgendes zu.


An einem eisigen Dezembermorgen betrat eine kleine Gruppe Samurai den Innenhof des Tempels, um das Grab ihres Herrn aufzusuchen. Ihre Ankunft blieb nicht unbemerkt und hatte für einige Aufregung in der Umgebung gesorgt. Es hieß, dass Abgesandte des Shoguns unterwegs seien, um diese Männer festzunehmen. An einer Stange befestigt, trugen sie ein Leinenbündel durch den tiefen Schnee, der ihr Vorankommen erschwerte. Schwer wog auch die Tat, die sie kurz vorher im Haus des Yoshinaka Kira, seines Zeichens Hofmeister des Shoguns, begangen hatten. Ein Jahr zuvor hatte dieser ihren jungen Fürsten Asano Naganori übel beleidigt. Daraufhin zückte Asano seinen Dolch, um Kira zu töten, der jedoch ausweichen konnte. Bei Hof eine Waffe zu ziehen, war allerdings ein derart verwerfliches Vergehen, dass dem Shogun nichts anderes übrig blieb, als den jungen Fürsten zum Tod durch Seppuku zu verurteilen. (Dabei stößt man sich das eigene Schwert in den Unterleib usw. …) Siebenundvierzig der nun herrenlosen Samurai schwuren daraufhin, die Ehre ihres Herrn wiederherzustellen, indem sie den Hofmeister Kira umzubringen gedachten. Die Rache gelang im Morgengrauen des 14. Dezember 1702. Mit einem Überraschungsangriff auf dessen Anwesen überwältigten sie zunächst die Torwachen und fanden Kira in einem Holzschuppen, wo er sich, gewarnt durch das Kampfgeschrei, versteckt hatte. Sein damaliges, schändliches Verhalten kostete ihn nun seinen Kopf. Diesen wickelten Asanos Samurai in Leinen und trugen ihn zum Sengakuji-Tempel. Dort wuschen sie den Kopf und legten ihn auf das Grab ihres Herrn. Erst danach unterwarfen sie sich dem Urteil des Shogun, der sie, in Achtung ihrer Loyalität gegenüber ihrem Fürsten, allesamt zum gleichen rituellen Selbstmord verurteilte.

Eine authentische Samurai-Geschichte sollte in Japan Anlass genug sein, dem Ort des Geschehens einen Besuch abzustatten, wie ich fand. Auch erhoffte ich mir, so ein wenig Müdigkeit von mir abzuschütteln.

Als ich an diesem sommerlichen Novembermorgen in die kleine Nebenstraße zum Tempel einbog, empfingen mich zwei Ordnungshüter. Ich war mir keiner schwerwiegenden Tat bewusst, auch trug ich weder ein blutgetränktes Leinenbündel, noch sonst etwas mit mir herum, das Aufmerksamkeit hätte erregen können. Erleichtert merkte ich jedoch bald, dass ihnen nur daran gelegen war, mich auf die Straßensperre aufmerksam zu machen und mir den Weg um das abgesperrte Gelände herum zu weisen. Ursache für die Absperrung war eine Baustelle, die offenbar den Unmut der Anwohner auf sich zog. Neben dem Eingang hing nämlich ein Schreiben, das in japanischer und englischer Sprache verfasst, gegen die Errichtung irgendeines modernen Gebäudes direkt neben der Tempelanlage protestierte. Kulturdenkmäler müssen also auch in Japan vor privaten Investoren geschützt werden.

Die Gräber der siebenundvierzig (ich habe sie gezählt) Samurai liegen ein wenig abseits des eigentlichen Tempelgebäudes. Ständig in Rauchschwaden gehüllt, ist ihre Lage allerdings schon von weitem zu erkennen. Vor jedem Grabstein häuften sich auf einem kleinen Steinsockel abgebrannte Weihrauchstäbchen. Obwohl es in der Woche war, fanden sich etliche Besucher auf dem Friedhof ein, kauften siebenundvierzig brennende Weihrauchstäbchen und legten eines vor jedes Grab, nicht ohne dabei kurz innezuhalten. Vermutlich um ihren Respekt gegenüber der bis über den Tod hinausreichenden Loyalität der Samurai auszudrücken. Vielleicht aber auch nur, um die in die Steine gemeißelten Namen zu lesen. In einem Museumsbau neben den Gräbern schaute ich mir noch die originalen Waffen, mit denen die Männer ihre blutige Rache verübt hatten, sowie ihre grimmig dreinschauenden Nachbildungen an. Derartig aufgeweckt, trat ich meinen Rückweg ins moderne Tokio an.

Quellen:

Ein Film, den mir der Museumswächter dankenswerterweise in der englischen Fassung vorspielte.

Dramaturgisch bedingte Kürzungen der Geschichte möge man mir verzeihen. Wer es etwas genauer wissen möchte, kann u.a. hier http://de.wikipedia.org/wiki/47_Rōnin/ nachlesen.

2 Gedanken zu „Eine Samurai-Geschichte

  1. Lass dir diese Geschichte eine Lehre sein: Auch nach einem Jahr kann dir in Japan eine Beleidigung von den 47 Angestellten des Beleidigten, aber inzwischen Verstorbenen, heimgezahlt werden. Sei bloß vorsichtig, wem du da was wie sagst. Es ist allerdings genau das Problem bei einer Fremdsprache, dass man manchmal nicht so genau weiß, was man sagt. Es empfiehlt sich also, weiterhin bei jeder Polizeistreife ein mulmiges Gefühl haben. Ich hoffe, das schränkt dich bei deinem weiteren Erkundungstouren nicht zu sehr ein.

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    • Das stimmt, zumal es in vielen Sprachen auch noch darauf ankommt, wie man etwas sagt. Einmal eine Silbe falsch betont und schon wird aus einem Meisterwerk (taisaku) eine Gegenmaßnahme (taisaku). Im falschen Kontext gesagt, kann das mindestens für eine Irritation sorgen.

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