Japan von Anime bis Zen

Japan_A_bis_ZIn diesen Tagen stehen nicht nur die Züge still. Auch auf der Autobahn in Richtung Hamburg geht es kaum voran. Es ist ein dunkler, langer Herbstabend und der Novembernebel hängt links und rechts in den Bäumen neben der Fahrbahn. Trübe Aussichten für eine pünktliche Ankunft. Somit bleibt jedoch genügend Zeit, um über das eigentliche Reiseziel nachzudenken.


In wenigen Stunden werde ich nach Japan fliegen, zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres. Was ist an diesem Land eigentlich so faszinierend, das kaum von westlichen Touristen besucht wird, das aber in den letzten Jahren einen wahren Boom in Deutschland und in der ganzen westlichen Welt vor allem in der jüngeren Generation ausgelöst hat? Von A wie Anime bis Z wie Zen-Buddhismus ist vermutlich jeder schon mal mit dem einen oder anderen japanischen Exportschlager in Berührung gekommen oder hat zumindest davon gehört.

Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, wann und in welchem Zusammenhang mir dieses Land am östlichen Rand Asiens zum ersten Mal begegnete. Es war jedenfalls lange vor dem Bekanntwerden von Mangas und Sushi. So könnten es die Reiseberichte des Marco Polo gewesen sein, der von einem mystischen und mit Schätzen überladenen Königreich Cipangu erzählte, das jenseits von China liegen sollte, dessen Boden er aber selbst nie betreten hatte. Es könnte aber auch der Film Die Sieben Samurai gewesen sein.

Wieder zum Leben erweckt wurde mein Interesse jedoch erst durch die große Hokusai Ausstellung, die vor einigen Jahren in Berlin gastierte. Hokusai ist bei uns vor allem für seine Holzschnitte der 36 Ansichten des Berges Fuji bekannt. Zu diesen zählt auch Die große Welle vor Kanagawa, sein berühmtestes Werk. 36 Ansichten eines einzigen Berges? Ist das nicht unnötig? Nein, denn der Fuji ist nicht irgendein Berg. Es ist der perfekte Berg. So symmetrisch und zeitlos wie die Abbildung eines Kegels in einem Lehrbuch für Geometrie. Zeitlos ist die ihn umgebende Landschaft dagegen überhaupt nicht. Sie ist dem ständigen Wandel der Jahreszeiten unterworfen. Ruhe und Unruhe stehen gleichwertig nebeneinander. Sie heben sich nicht auf oder bekämpfen einander. Wir im Westen können mit Gegensätzen nur schwer leben. Allzu leichtfertig ebnen wir diese ein und wollen sie so überwinden. Wir versuchen sie, auf das Gemeinsame zu reduzieren und meinen, damit etwas gewonnen zu haben. Dass man das Wesentliche allerdings selten nur mit einem Bild ausdrücken kann, diese Einsicht wäre sogar mehr als 36 Ansichten Wert gewesen.

Ein Land, das auf den ersten Blick voller Gegensätze ist und diese nicht nur aushält, sondern sie zu seinem Selbstverständnis gemacht hat, das war der bleibende Eindruck meiner ersten Reise nach Japan.

Hamburg ist beinahe erreicht. Doch immer mehr Bilder und Gedanken finden jetzt ihren Weg zurück aus der Vergangenheit in mein Gedächtnis und drängen darauf, noch niedergeschrieben zu werden. Aber ich lasse sie drängen. Denn viel nützlicher sind sie mir als Untergrund für die noch zu schreibenden Reiseblätter.

Über dem Hafenbecken steht dichter Nebel, der sich träge in die Fleete der Hamburger Speicherstadt ergießt. Morgen ist Abflug.

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